Weihnachts-Interview mit Jussi Adler-Olsen

1378205_202276369954538_1142283303_n2013 war für Jussi Adler-Olsen wieder ein extrem erfolgreiches Jahr. Sein Thriller „Erwartung“ (dtv) hält sich seit vier Monaten in den TOP 10 der Bestsellerlisten. Exklusiv für diesen Blog sprach ich mit dem 63jährigen über sein privates X-Mas (Foto):

Wie feiern Sie Weihnachten? Egal, wo auf der Welt ich gerade bin: an Weihnachten komme ich immer zurück nach Dänemark. Seit 30 Jahren feiere ich traditionell mit meiner Frau und vielen Gästen. Wir laden Verwandte und Freunde ein – letztes Jahr waren es 14 Leute. Natürlich mit einem großen, geschmückten Tannenbaum!

Was gibt´s am Heiligen Abend zu essen? Alles: Gans, Frikadellen, Rotkohl, Saucen… Und als Nachspeise unsere dänische Spezialität, einen Reispudding mit Mandeln. Wir bereiten ihn mit gehackten Mandeln vor, aber eine einzige Mandel bleibt ganz. Wer sie später auf dem Teller hat, bekommt von uns ein Extra-Geschenk. Da die Bescherung oft bis tief in die Nacht dauert, gibt’s dann auch noch Nüsse, Snacks, Nougat, Pralinen und Kaffee.

Singen Sie? Und wie! Wir stellen uns meist im Kreis auf und singen mindestens zehn Lieder. Bekannte Weihnachtssongs, aber auch Gospels oder Hits.

Klingt nach Party. Ein bisschen, ja. Aber wir trinken nur wenig Alkohol, und trotzdem sind alle gut drauf. Die meisten können nüchtern nach Hause gehen. Einige übernachten aber auch bei uns – um am ersten Weihnachtsfeiertag treffen wir uns im Pyjama zum Frühstücken. Wir Dänen essen dann traditionell Hering und Leberpastete, dazu gibt’s Schnaps.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Heiligen Abende? Ja, eine meiner ersten Erinnerungen überhaupt bezieht sich auf Weihnachten 1952. Damals war ich zwei Jahre alt. Ich bekam als Geschenk eine kleine Plastiktrompete. Und die wurde mir von unserem Terrier Tim übergeben. Er hatte sie in seinem Maul und legte sie mir in meine ausgestreckten Hände. Das werde ich nie vergessen!

Happening mit Horror-König

kingmiEr war da. Leibhaftig. Stephen King trat erstmals in Deutschland auf. 400 Millionen Bücher hat der Meister des literarischen Grauens bis jetzt verkauft – am Mittwoch stand er auf der Bühne des legendären Cirkus Krone in München (Foto). 2.500 Fans jubelten King zu. Der 66jährige gab sich lässig, schlagfertig und bescheiden – mehr über seine Lesung, die eigentlich mehr ein Happening war, auf meiner Homepage http://www.guenterkeil.de (unter der Rubrik „Texte“) oder hier in meiner Kritik für die Südwest Presse:

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/kultur/Stephen-King-der-fluchende-Koenig;art4308,2315900

Der Literat des politischen Kabaretts ist tot

dieterWas der Tod Dieter Hildebrandts in einem Literaturblog verloren hat? Sehr viel, wie ich finde. Denn für mich war Hildebrandt schon immer der Literat unter den Kabarettisten. Einer, der die deutsche Sprache mit Intelligenz und Wortwitz verdrehte und ironisierte. Und einer, der unglaubliche Schachtelsätze bilden konnte, an deren Ende treffende Pointen saßen. Einer, dessen Live-Auftritte ich am liebsten noch einmal geddruckt nachgelesen hätte, weil sie sprachlich so reich- und nachhaltig waren. Was Hildebrandt sagte oder in seinen Büchern schrieb (Foto: Cover seiner Biografie), hatte Substanz und Wert. Vom nichtssagenden Geplänkel diverser Comedians oder dem eigebildeten Gelaber mancher Kabarett-Unterhalter war er Welten entfernt. Was ihn darüber hinaus für mich zu einem echten Vorbild machte: Dieter Hildebrandt war seine Wut und seine Betroffenheit über politische-gesellschaftliche Entwicklungen oft anzumerken. Daraus entwickelte er große, wichtige Texte. Ich bin dankbar, dass ich zwei Mal beruflich persönlich mit Hildebrandt zu tun haben durfte. Ihn und sein Engagement werde ich vermissen.

Warum Romane wie Songs funktionieren

nesböminiSongs und Romane – zwei total unterschiedliche Formen, oder? Nö. Sagt Jo Nesbö. Der in 45 Sprachen übersetzte Thrillerautor war in den 90er Jahren einer der beliebtesten Musiker und Songwriter Norwegens. Auf seinen Lesungen in Frankfurt und München spielte er live einen Titel. Tatort-Kommissar Oliver Mommsen und ich assistieren – links ein Foto von unseren „Proben“ in der Hotellobby.

Nesbö verriet mir: „Beim Schreiben von Romanen und Songs gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Songs sind so kurz, da muss man viel mit Anspielungen arbeiten und kann nicht alles dirket ansprechen. Sie müssen bei ihren Zuhörern sofort etwas auslösen. Wie eine Drei-Minuten-Geschichte in drei Akten. Auch wenn meine Romane oft 600 Seiten haben, ist es bei ihnen ähnlich: ich arbeite sehr stark mit Andeutungen und dunklen Räumen. Sonst wird es langweilig. Mir ist es wichtig, auf die Fantasie und die Intelligenz meiner Leser zu bauen – sie verstehen schon, was ich meine und entwickeln daraus eigene Gedanken. Diesen Prozess anzuregen ist viel spannender als eine Geschichte von A bis Z in allen Einzelheiten zu erzählen“.

Protokoll einer Lesereise

3erSechs Tage, sechs Städte: ich habe gerade eine komplette Lesereise moderiert – mit der schwedischen Thrillerautorin Kristina Ohlsson („Sterntaler“) und Schauspielerin Nina Petri. München, Berlin, Braunschweig, Hamburg, Hannover, Stuttgart. „Wie läuft sowas eigentlich ab?“ werde ich immer wieder gefragt. Hier meine Antwort als Statistik:

Zeit auf der Bühne: 10 Stunden. Zeit in Flugzeugen, Zügen und Taxis: 21 Stunden. Frauenanteil der Zuschauer: 70 Prozent. Mikrophone: Headsets, Standmikros, Handgurken. Hotels: 5. Zuschauer: 1.000. Veranstaltungsorte: Buchhandlungen, Hallen, Galerien. Getrunkenes Wasser auf der Bühne: 3 Liter (pro Person). Handyklingeln während der Lesung: 4. Applaus: 30 Minuten. Bestuhlung der Bühne: Ledersessel, Barhocker, Bürostühle, Designer-Vierbeiner. Durchschnittliche Raumtemperatur: 22 Grad. Sprachen: Deutsch, Englisch, Schwedisch. Lacher im Publikum: 47. Vorredner: 6. Technische Probleme: 1. Essen: Deutsch, Griechisch, Italienisch, Amerikanisch. Verkaufte Bücher: mehrere Hundert. Signierzeit im Anschluss der Lesung: 3 Stunden. Alkoholkonsum: gering. Gelutschte Halsbonbons: 18. Wetter: stürmisch, schön, grau, mild, kalt. Wirkung der Bühnenscheinwerfer: schweißtreibend. Durchschnittlicher Feierabend: 23.40 Uhr. Fazit: sechs spannende, tolle Tage!

Der Bücherherbst-Wahnsinn

werNein, nein, nein. Kein Mensch kann all das lesen. Und kein Literatur- journalist oder Blogger kann all das rezensieren. Jedes Jahr im frühen Herbst beginnt der Bücherwahnsinn. Plötzlich sind sie da, alle auf einmal: die Romane, auf die wir gewartet haben, die Umsatz bringen, die es ziemlich sicher auf die Bestsellerlisten schaffen. Dieses Jahr sind dies zum Beispiel die neuen Werke von T.C. Boyle, Paul Auster, Leon de Winter, Daniel Kehlmann, Jussi Adler-Ohlsen, Michael Robotham, Ferdinand von Schirach, Martin Walser, Wladimir Kaminer, Ian McEwan, Khaled Hosseini, Friedrich Ani und dutzenden Bestsellerautoren mehr. Sie erscheinen im Abstand von ein paar Tagen, manchmal gleichzeitig. Vorher, im Juli und August, war es noch relativ ruhig auf dem Buchmarkt. Aber jetzt? Genau: es tobt der Wahnsinn. Man fragt sich, warum. Klar, es gibt bestimmte traditionelle Vertriebswege, die Frankfurter Buchmesse naht und das Weihnachtsgeschäft kommt auch bald. Aber die extreme Ballung ist gefährlich: viele hervorragende Bücher gehen unter, werden übersehen oder können aus Zeitgründen nicht gelesen werden – denn auch die Tage von Büchermenschen haben nur 24 Stunden…

Danke fürs Überleben!

krimiZeitungen machen dicht, Redaktionen werden gefeuert, Kulturseiten gestrichen – die Krise der klassischen Medien hält an. Für Literatur gibt es immer weniger und immer schlechter bezahlten Platz. Aber nicht überall: Die Augsburger Allgemeine leistet sich ab und zu im Wochenend-Journal eine komplette Krimi-Seite – auf der aktuellen bin ich mit vier Rezensionen vertreten (Jan Faber, Claudia Rusch, Gregor Weber, Sebastian Fitzek). Schön, dass es sowas noch gibt!

Phänomenal: Deutsche Lesungskultur

riley„Really? They listen?“ Lucinda Riley, zurzeit Nr. 1 der deutschen Taschenbuch-Bestsellerliste, konnte es kaum glauben. Als ich am Montag mit ihr und Schauspielerin Dennenesch Zoudé die große Lesereise begann, staunte sie nicht schlecht. Und zwar über das Konzept der Lesungen: Gespräche, Moderationen, deutsche und englische Textpassagen, Fragen aus dem Publikum… ein volles Programm, 80-90 Minuten. In ihrer Heimat England würde das nicht funktionieren, sagt Riley. Dort wollen die meisten Leser einfach nur ein Autogramm. Ähnliches haben mir schon oft US-Autoren erzählt. Die deutsche Lesungskultur fasziniert sie. Dass es wirklich Menschen gibt, die sich abends aufraffen, 8-12 Euro zahlen, gerne & geduldig zuhören, sich anschließend ihr Buch signieren lassen und glücklich nach Hause gehen, ist bei uns ganz normal – aber international ein bestauntes Phänomen. Mit Lucinda Riley hatten wir gestern eine wunderbare Vorstellung in Braunschweig (siehe Foto), nach Düsseldorf, Burg Bielstein, Leipzig und Hannover. Ab Montag folgen Hamburg und Zürich, dann ist erstmal Schluss.

Hilfe! Bücher!

prograNoch eine. Und noch eine. Und noch eine. Seit zwei Wochen stapeln sich in meinem Büro die neuen Programmvorschauen der Verlage. Darin steht, was im Herbst veröffentlicht wird. Mein Briefträger flucht schon – täglich neue Kataloge. Und ich? Genieße es, darin zu stöbern, Bücher vorzubestellen, Pläne für Rezensionen & Interviews zu machen. Aber manchmal denke ich auch: Hilfe! Wer soll das alles lesen? Übrigens: Einige Trends zeichnen sich jetzt schon ab. Brasilianische Romane (Gastland der Frankfurter Buchmesse), Krimis aus Marseille (Kulturhauptstadt) und Bücher übers Sterben und den Tod (verkaufen sich zurzeit offenbar gut). Außerdem gibt´s Neues von T.C. Boyle, Daniel Kehlmann, Ian McEwan, Jo Nesbo, Leon de Winter…