Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Mitreißend und melancholisch

„Der warme Wind wirbelt eine Plastiktüte durch die Luft, eine zweite fliegt hinterher. Vielleicht sind Plastiktüten ja irgendwann die besseren Möwen.“

Großstadt-Melancholie, lakonisch eingefangen und ironisch kommentiert. Die Spezialität von Simone Buchholz. In „Mexikoring“ (Suhrkamp), dem neuen Band ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, beweist Buchholz, dass sie das hohe Niveau ihrer Krimis halten kann. Mit umwerfender Lässigkeit. Und überraschender Liebenswürdigkeit. Denn dieser Roman vereint viele Aspekte: Buchholz skizziert nicht nur in kurzen Sätzen einen spannenden Kriminalfall. Sondern erzählt auch noch eine berührende Liebesgeschichte. Und streut Elemente einer Sozialreportage über kriminelle ausländische Clans ein.

Ist das zu viel auf einmal? Überhaupt nicht. Der Krimi ist kurz, kommt immer auf den Punkt, reißt mit. Also, von vorne:

Nouri Saroukhan, der verstoßene Sohn eines ausländischen Clans, verbrennt in seinem Fiat. Ein Mord. Riley und ihr cooler Kollege Stepanovic ermitteln in Hamburg und Bremen, stoßen auf Mauern des Schweigens, auf Großfamilien, die mit Brutalität kriminelle Geschäfte machen. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass das Opfer sich von seinem Clan lossagen wollte. Und sich in Aliza Nouri verliebt hatte – eine junge Frau, die vor ihrem gewalttätigen Clan flüchtete.

Schnoddrig und melancholisch berichtet Ich-Erzählerin Chastity Riley von den Recherchen. Sie trinkt viel, schläft wenig. Labert nicht. Eine umwerfende Figur in einem großartigen Krimi.

„Jetzt trinken wir den Wodka einfach so, aber natürlich trinkt man nicht einfach so, es gibt ja immer einen Grund.“

„Die gehen mir auf den Sack mit ihren dicken Eiern. Männer mit Autos als Waffen. Wegen mir kann das weg.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Meister der originellen Metaphern

Eine Schutzweste ist „eine mobile Sauna“. Eine Speicherkarte „die Mülltonne des Vergessens“. Und dieses Lachen, das ist „so natürlich wie Stahlbeton“. Christian v. Ditfurth ist der Meister der herben, originellen Metaphern. Er feuert seine smarten, schnellen Sätze so lässig hinaus wie seine Protagonisten die Kugeln ihrer Waffen.

In „Schattenmänner“ (C. Bertelsmann), dem vierten Band der Reihe um den Berliner Hauptkommissar Eugen de Bodt, wird selbstverständlich wieder viel geballert. Doch Ditfurth steht erneut für Action mit Anspruch. Sein Plot ist rasant und gespickt mit Verweisen und Seitenhieben auf aktuelle Politik. Seine Hauptfigur ist (wie immer) aufsässig, großmäulig und anmaßend. Aber eben genial. Denn nur de Bodt und sein unkonventionelles Team können eine mysteriöse Mordserie aufklären. Vier Menschen sterben, zwei in Frankreich, zwei in Deutschland. Alle waren Mitglied in einer Facebook-Katzengruppe, und alle hatten etwas mit Industriespionage und Rüstungsfirmen zu tun.

Wie in den drei vorangegangenen Bänden zeigt v. Ditfurth die Verstrickungen von Politik, Polizei und Wirtschaft auf. Schnörkellos und trocken kommentiert er Einflussnahmen, Klüngeleien und Verbrechen auf höchstem Thrillerniveau.

„Kein Abgeordnetenbüro ohne Besucherecke. Mit weichen Sesseln, damit die Lobbyisten keine Druckstellen am Hintern erlitten.“

„Sogar wo alle Regeln des Anstands gebrochen wurden, gab es Regeln. Wenn auch nicht des Anstands.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Gute Nacht, Deutschland

Dunkel ist es. Düster. Unheimlich. Bedrohlich. Das Deutschland, das Max Annas in seinem neuen Roman „Finsterwalde“ (Rowohlt) beschreibt, ist, ja, finster.

Die Handlung spielt in naher Zukunft. Es regiert eine nationalistische Partei, die alle Bürger ohne deutsche Wurzeln abschiebt oder zunächst auf unbestimmte Zeitkaserniert.. Polizisten, Soldaten und Bürgerwehren machen in aller Öffentlichkeit Jagd auf Fremde – Annas schildert Szenen, die an die Verfolgung der Juden zur Nazizeit erinnern. Die Polizei, so heißt es an einer Stelle, habe „die Lizenz zum Demütigen“.

Im Osten des Landes werden Städte geräumt. Einige der verlassenen Orte dienen als Lagerstätten für unerwünschte Bürger. In Finsterwalde harren tausende Menschen dunkler Hautfarbe aus. Max Annas hat ein erschreckend gutes Gespür für die angespannte Stimmung und die latente Bedrohung, die Bürger mit Migrationshintergrund verspüren. Er konzentriert sich auf eine kleine Gruppe aus Finsterwalde, die einen riskanten Plan verfolgt: Eine junge Frau und einige andere Insassen flüchten durch einen Abwasserkanal nach Berlin, wo sie drei zurückgelassene afrikanische Kinder retten wollen. Parallel erzählt Annas von einer griechischen Ärztin, die mit ihrem Freund und ihren Kindern nach Deutschland einwandert – hochqualifizierte Ausländer dürfen auf Bewährung ins Land kommen, müssen aber einen Überwachungsring am Fuß tragen. Der Freund der Ärztin, ein Journalist, stößt bei seinen Recherchen auf die zurückgelassenen Kinder. Und so verbinden sich schließlich die beiden Erzählstränge.

Schnörkellos und souverän skizziert Max Annas ein abgeschottetes Land, geprägt von Misstrauen, Empathielosigkeit und Kontrollwahn. Ein Roman wie eine Warnung vor den Folgen von Fremdenfeindlichkeit.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Er schreibt und schreibt…

„Ich finde, jemand sollte ihm einen Orden verleihen, ihm eine Kugel in den Kopf jagen und eine Brücke nach ihm benennen.“ (Jack Reacher über einen Vorgesetzten)

Er schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. Lee Child wird nicht müde, seine Thriller-Serie um Jack Reacher fortzusetzen. Zum Glück. Denn auch der 19. Fall für den fiktiven Einzelgänger, „Im Visier“ (Blanvalet), hält das hohe Niveau.

Wie bei allen Serien bleibt zwar die Konstruktion der Plots sehr ähnlich. Reacher, eigentlich unauffindbar und unabhängig, wird jedes Mal von Militär/Geheimdienst/Politik zu einem brisanten Fall hinzugezogen, legt sich mit seinen Vorgesetzten an, flirtet bei den Ermittlungen mit einer attraktiven Frau und schaltet lässig seine Widersacher aus. Diesmal soll er einen Scharfschützen aufspüren, der in London auf die Politiker angesetzt ist, die am G8-Gipfel teilnehmen. Ein Auslandseinsatz also, immerhin. Normalerweise bleibt Reacher in den USA.

Warum Lee Child trotz dieser vorhersehbaren Struktur sehr gut lesbar und höchst unterhaltsam bleibt? Weil seine Sprache unverschämt locker und lakonisch daherkommt. Weil sein Held unvergleichlich trocken aus seiner Perspektive erzählt. Weil sich die Figur des Jack Reacher auch nach 19 Bänden nicht abgenutzt hat. Und vor allem: weil jedes Buch beweist, wie wenig Tom Cruise mit dem Mann gemeinsam hat, den er in den Verfilmungen (zum Leidwesen vieler Reacher-Leser) spielt.

 

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Quotendruck & tödliche Geschäfte

Zwischen dem größten Flüchtlingslager der Welt in Kenia und einer prominenten deutschen Polit-TV-Moderatorin besteht eine Verbindung. 

Stimmt schon: Horst Eckert stellt in seinem neuen Thriller „Der Preis des Todes“ (Wunderlich) brisante Zusammenhänge dar. Zwischen Sarah Wolf, der Moderatorin, Christian Wagner, einem Bundestagsabgeordneten, dem Pharmakonzern Samax AG, und Dadaab, dem Lager mit mehr als 500.000 Bewohnern.

In hohem Tempo schildert Eckert, wie Sarah Wolf und ihr Team ihre Talkshow vorbereiten. Druck gibt es von allen Seiten – der Sender besteht auf hohen Einschaltquoten und möchte nicht, dass zu kritische Fragen gestellt werden. Die politischen Parteien schicken nur dann prominente Gäste, wenn ihnen das Thema passt. Eckert zeigt realistisch und gut recherchiert, wie zynisch das TV-Geschäft abläuft.

Zum spannenden Polit-Thriller wird das Buch, weil Sarah Wolf mit dem Abgeordneten Christian Wagner liiert ist. Kurz nachdem ihn eine Boulevardzeitung als Lobbyist für einen Pharmakonzern gebrandmarkt hat, stirbt er unter mysteriösen Umständen. Auch eine junge Menschenrechtsaktivistin wird tot aufgefunden – sie hatte Kontakt zu Wagner, und sie arbeitete im Flüchtlingslager Dadaab. Sarah Wolf und ihr Team recherchieren im Berliner Politikzirkus und in Kenia. Und sie decken einen unglaublichen Skandal auf: Unter dem Deckmantel von Wohltätigkeit wurden Flüchtlinge systematisch ausgebeutet und ihre Organe verkauft.

Quotendruck, Lobbyismus, Parteiengeplänkel und tödliche Geschäfte – Horst Eckert packt eine Vielzahl wichtiger Themen in seinen rundum gelungenen Thriller.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Das Mädchen mit den Revolverheldenaugen

Ihren Teddy hat sie noch. Obwohl sie schon betrügen, boxen, stehlen und schießen kann. Polly ist zwar erst elf, aber sie wird innerhalb weniger Tage zur Kriminellen. Weil es ihr Vater so will. Weil sie und er sonst sterben müssten.

In seinem revolverkugelschnellen Debütroman „Die Rache der Polly McClusky“ (Ullstein) skizziert Jordan Harper eine unkonventionelle Vater-Tochter-Beziehung. Politisch absolut nicht korrekt und verdammt spannend. Denn Papa Nate, soeben aus dem Gefängnis getürmt, kidnappt Polly vom Schulhof, rast im Autor mit ihr durch Kalifornien und macht aus ihr eine abgebrühte Komplizin. Die beiden rauben, töten und lassen ihre Verfolger hinter sich.

Stimmt schon: das klingt erstmal übertrieben durchgeknallt, basiert aber auf einer bestechenden Logik. Denn Nate hat sich im Knast mit einer mächtigen Gang angelegt, die seine Familie daraufhin mit einem tödlichen Fluch belegte. Nates Exfrau wurde bereits ermordet, Polly ist die nächste auf der Liste. Durch diesen Dreh wird aus dem kriminellen Vater ein moralischer Beschützer.

Jordan Harper hat einen schnellen, harten Thriller geschrieben. Ein starker Road-Trip mit staubtrockener Ironie und einem faszinierenden Mädchen mit Revolverheldenaugen.

Wenn man mit einer Waffe in der Hand und einer Maske über dem Gesicht in einen Getränkeladen marschiert, reißt man den Deckel von der Welt. Die Zeit vollführt echten Einstein-Quatsch. Sie dehnt sich; schrumpft zusammen.“