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Krimis & Thriller

james rayburn, sie werden dich finden, tropen, rezension, günter keilTempo, Härte, Präzision. Diese drei Komponenten prägen James Rayburns CIA-Thriller „Sie werden dich finden“ (Tropen). Dazu kommt ein bisschen Geheimniskrämerei. Denn hinter dem fiktiven Autorennamen steckt der vielfach ausgezeichnete Roger Smith.

Wie auch immer: Rayburn/Smith inszeniert eine atemlose Verfolgungsjagd, von den USA über Deutschland nach Thailand. Im Mittelpunkt steht Kate Swift, eine abgebrühte Profikillerin, die unter falschem Namen mit ihrer Tochter untergetaucht ist. Als Kates Identität auffliegt, muss sie flüchten. Der Grund: Lucien Benway, ihr ehemaliger Chef bei der CIA, hat ihr nie verziehen, dass sie ihn öffentlich denunzierte. Also haut Kate ab, über Berlin nach Thailand. Dort hofft sie auf Hilfe ihres ehemaligen Mentors – Harry Hook, ein genialer CIA-Agent, der aus jeder ausweglosen Lage entkommen konnte. Mit Schrecken muss Kate jedoch feststellen, dass Harry ausgebrannt und abgehalftert ist. James Rayburn jagt seine Heldin in dutzende scheinbar ausweglose Situationen. Die Zeit läuft, und Kates Verfolger schrecken vor nichts zurück. Ob es ein Happy-End gibt? Wird nicht verraten. Bei Roger Smiths gehobenen Vollgas-Thrillern weiß man nie…

blake crouch, dark matter, der zeitenläufer, rezension, günter keil, literaturblogDie Rezeptur dieses Buches ist einfach und effektiv:

33,33 Prozent Sciene Fiction, 33,33 Prozent Quantenphysik, 33,33 Prozent Hochspannung.

„Dark Matter. Der Zeitenläufer“ (Goldmann) von Blake Crouch. Ein Thriller, der vom ganz normalen Alltag eines Atomphysikers aus Chicago (Job, Ehefrau, Sohn) in die abgedrehten Ebenen eines Multiversums stürzt. Dieser Mann, Jason Dessen, wird eines Abends auf offener Straße entführt – man spritzt ihm ein Präparat und bringt ihn in eine abgelegene Firma. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es vorher war. Dessen heißt zwar noch genauso, und er lebt nach wie vor in Chicago, aber seine Frau kennt ihn nicht mehr, sein Sohn existiert nicht. Angeblich hat Dessen einen genialen Würfel erfunden, mit dem man in andere Schichten der Realität vordringen kann. Doch der Physiker erinnert sich an nichts. Ist er wahnsinnig geworden? Spielt man ihm einen Streich? Hat er einen Gehrintumor? Er flüchtet, wird verfolgt, jagt durch sein neues Leben, taucht in mehrere Versionen davon ein, kann nicht fassen, was mit ihm passiert.

Blake Crouch inszeniert seinen Thriller so bildstark wie „Matrix“ oder „Inception“, knallt kurze Sätze aufs Papier, verschwendet keine Zeit, treibt den Plot voran. Die Figuren bleiben etwas grob gezeichnet, doch der Sog, den Crouch erzeugt, ist unwiderstehlich.

castle freeman, auf die sanfte tour, rezension, literaturblog günter keil Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.“

Sheriff Wing ist ein alter Hase. Abgebrüht, lässig, nicht aus der Ruhe zu bringen. In einem Kaff in Vermont sorgt er für Ordnung. Viel gibt’s nicht zu tun: Betrunkene, Kleinganoven, Pechvögel, das war´s auch schon. In Castle Freemans „Auf die sanfte Tour“ (Hanser) erzählt Sheriff Wing von seinem Alltag. Und von seinen Über- zeugungen. Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe, erstmal zuhören, das ist sein Credo. In erfreulich sparsamer Sprache zeichnet Castle Freeman das Bild eines besonnenen Sheriffs, wie man ihn sich in Zeiten von Trump und Erdogan wünscht.

Ein kurzer moderner Western, intelligent, trocken, weise. Mit Sätzen wie lakonische Kalendersprüche.

Einen reichen Mann sollte man, wenn es geht, zum Freund haben, aber ein armer Mann ist ein besserer Nachbar.“

luca d andrea, der tod so kalt, rezension, literaturblog, günter keil Eine eiskalte, schroffe Bergwelt, die für Menschen tödlich sein kann. Ein Fremder, der in eine verschwiegene Dorfgemeinschaft eindringt. Eine Schlucht, in der vor langer Zeit drei junge Leute ermordet wurden.

Der italienische Autor Luca D’Andrea spielt in seinem Debütroman „Der Tod so kalt“ (DVA) mit klassischen Elementen aus großen Bergdramen. Was er daraus macht, ist über weite Strecken spektakulär. Atemberaubend. Mitreißend.

Siebenhoch, Alto Adige, Südtirol. Dorthin, in die Heimat seiner Frau, kommt der US-Filmemacher Salinger. Eigentlich will er nur eine Doku über den Bergrettungsverein drehen – doch dann zieht ihn eine alte Dorflegende in den Bann. Vor 30 Jahren, so erzählt man sich, ereignete sich das Bletterbach-Massaker. Während eines Gewittersturms wurden drei erfahrene Bergsteiger in freier Natur ermordet. Zerstückelt. Salinger wittert ein spannendes Thema, einen neuen Film. „Hör auf, an dieser Geschichte zu rühren“ mahnen ihn die Einheimischen – vergeblich. Wie besessen dringt Salinger in die Geschichte des Dorfes ein und bringt sich und seine Familie in Lebensgefahr. Liegt ein Fluch über allen, die das Massaker aufarbeiten wollen?

Luca D’Andrea gibt Salinger eine lässige, kräftige Stimme, die den Plot vorantreibt. Er zieht das Netz aus Gerüchten, Geheimnissen und Enthüllungen immer enger, brilliert mit Sätzen wie Blitzeinschlägen, Wendungen wie Steinschlägen und einem Tempo wie eine unaufhaltsame Lawine. Manchmal übertreibt er es ein bisschen, vor allem beim Showdown. Dennoch bleibt sein Thriller überdurchschnittlich – ein echter Kracher, wie man so sagt.

jussi adler-olsen, selfies, interview, günter keil, literaturblogZwei Jahre Pause, das gab es bei Jussi Adler-Olsen noch nie. Nun erscheint „Selfies“ (dtv), der siebte Fall für den Kopenhagener Polizisten Carl Mørck und seine Sondereinheit Q. Ich habe Adler-Olsen, dessen Bücher in 40 Ländern erscheinen, interviewt – hier Auszüge unseres Gesprächs:

In Ihrem neuen Buch spielt ein Selfie eine entscheidende Rolle bei einer Mordermittlung. Basiert dies auf einem wahren Fall? In gewisser Weise schon. Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Anwältin gesprochen, die für das Kopenhagener Stadtparlament arbeitete. Sie war frustriert und verärgert, da sie bei ihrer Arbeit zunehmend mit absurden Situationen konfrontiert wurde, gegen die sie nichts unternehmen konnte. Schuld daran waren die starren Regeln, die an die Vergabe von Fördermitteln geknüpft sind. Aus dem, was mir diese Anwältin erzählte, entwickelte ich den Fall, in den meine Figur Anne-Li verwickelt wird. Mehr kann ich leider nicht verraten – außer, dass ein Selfie die entscheidende Wendung bringt.

Vor zehn Jahren erschien in Dänemark Ihr erster Thriller mit Carl Mørck. Wie hat sich die Beziehung zu Ihrer Hauptfigur verändert? Carl ist seitdem immer bei mir. Ich werde diesen Typen einfach nicht mehr los! Er hat sich in diesen zehn Jahren schon verändert, aber nicht in einer Weise, die mich überrascht hätte. Eigentlich haben wir uns beide ziemlich ähnlich weiterentwickelt, sind älter und weiser geworden. (Lacht) Und wir sind immer noch dicke Freunde!

An Ihren Romanen fällt auf, dass Sie viele weibliche Nebenfiguren einsetzen. Ihr Ermittler Carl Mørck muss sich diesmal gleich mit einer ganzen Clique junger Frauen auseinandersetzen. Was reizt Sie an Protagonistinnen? Frauen sind grundsätzlich interessanter, und ich schreibe tatsächlich lieber über sie. Männer tendieren dazu, sehr konstant und vorhersehbar in allem zu sein was sie tun. Frauen sind dagegen eher schwieriger einzuschätzen und man weiß nie wirklich genau, was sie als nächstes tun. Genau das ist der springende Punkt, der das Schreiben über Frauen so ergiebig macht: Je unvorhersehbarer die Situation ist, desto mehr Drama entsteht.

Sie sind mit drei älteren Schwestern aufgewachsen. Hat Ihnen das bei „Selfies“ besonders geholfen? Ich habe ganz sicher sehr viel von meinen Schwestern gelernt, und mein frühes Wissen über Frauen habe ich schon öfter in meinen Romanen verwendet. Die Clique mit Michelle, Denise und Jazmine, über die ich in „Selfies“ schreibe, ist allerdings ganz anders als meine Schwestern. Das sind schrille Mädchen, die von Sozialhilfe leben und sich gerne im Reality TV zeigen. Und genau dort habe ich über sie recherchiert.

adrian mckinty, rain dogs, rezension, literaturblog, günter keilWahnsinn, Regen, Irland – passt alles zusammen.“

Adrian McKinty liebt klare Worte. Formuliert punktgenau. Langweilt nie. In „Rain Dogs“ (Suhrkamp Nova), dem fünften Roman aus seiner Reihe um den nordirischen Polizisten Sean Duffy, zeigt McKinty mal wieder, wie man das macht: einen intelligenten, packenden Thriller zu schreiben. Mit einer überzeugenden Hauptfigur und gesellschaftspolitischer Relevanz.

Carrickfergus bei Belfast, 1987. Der Bürgerkrieg ist für Sean Duffy nichts besonderes mehr: „Ein Tag voller Schilde, Formationen und Molotow-Cocktails. Bullenbeschimpfungen. Milchflaschen voller Urin oder Benzin, die durch die Luft segelten. Alles wie gehabt. So langweilig, dass es der Beschreibung nicht lohnt.“ Ja, dieser Duffy ist cool und abgebrüht, und er erzählt trocken. Doch er ist auch verletzlich und hat eine dunkle Seite – ein komplexer Charakter, harter Hund, weicher Kerl, schlauer Typ, alles. Diesmal beschützt Duffy Muhammad Ali bei seinem Belfast-Besuch und beißt sich die Zähne am Tod einer englischen Journalistin aus. Sie wurde im Hof von Carrickfergus Castle gefunden – Selbstmord?

Die Ermittlungen führen ihn nach London und Finnland, und auf eine Pint-Tour durch die fünfzehn Pubs von Carrickfergus. Im letzten Viertel des Buches übertrifft Adiran McKinty sich selbst, haut seinen Lesern sein Können um die Ohren, liefert unvorhersehbare Wendungen, virtuose Sprache, unerhörte Spannung. Kein Zweifel: der in Australien lebende Ire spielt in einer Liga mit Don Winslow, Jo Nesbö und Dennis Lehane. Unbedingt lesen!

Wodka, Limettensaft. Soda, Eis – vier einfache Zutaten, die zusammen die meisten Probleme der Welt verschwinden lassen.“

rita falk, günter keil, interview„Provinzkrimi“ steht auf den Eberhofer-Romanen von Rita Falk. Fünf Millionen Mal haben sie sich bis jetzt verkauft (aktuell: „Weißwurstconnection“). Vor 20 Jahren undenkbar – Provinz? Krimi? Fünf Millionen? Never ever. 

„Das hat sich total verändert – aber nicht für mich“ hat mir Rita Falk bei unserem Auftritt in Olpe (Foto) erzählt. „Ich fand es in der Provinz immer schon viel lebenswerter als in der Großstadt, und das Wort empfand ich grundsätzlich nicht als abwertend. Mich in eine U-Bahn quetschen oder im Stau auf Stadtautobahnen stehen zu müssen, ist für mich der Horror!“ Die 52-jährige hat aus ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen Provinzkrimis gebastlelt – ihre Oma war tatsächlich ein bisschen so wie die Oma in den Büchern, und ihr Ehemann war 30 Jahre lang Streifenpolizist wie ihre Hauptfigur Franz Eberhofer. „Meinen Erfolg habe ich der Provinz zu verdanken!“ sagt Falk und lacht. „Und ich werde auch nie mehr vom Land wegziehen!“ Ganz egal, wie man über Provinzkrimis denkt: Dass aus dem Schimpfwort ein Markenzeichen geworden ist, beeindruckt.