Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Der Bob Dylan der Spannungsliteratur

friedrich ani, ermordung des glücks, rezension, günter keil, blogEine verzweifelte Mutter stolpert betrunken durchs nächtliche München. Müde Menschen stehen an den Fenstern ihrer Wohnungen und schauen ratlos auf die Straßen. Ein erschöpfter Kommissar liegt auf einer Wolldecke, Arme und Beine von sich gestreckt, und hört auf die Stimme in seinem Inneren. Zwei traurige Geschwister, Mann und Frau, liegen in einem Bett und halten sich tröstend an den Händen.

In „Ermordung des Glücks“ (Suhrkamp) von Friedrich Ani leiden die Protagonisten, immerfort. Die Stadt, in der sie leben, ist kalt und dunkel. Ein 11-jähriger Junge wurde ermordet, und niemand weiß, von wem, warum, wo. Den pensionierten Kommissar Jakob Franck lässt dieser Fall (sein zweiter nach „Der namenlose Tag“) nicht los. Er vergräbt sich tief in den Akten, befragt mögliche Zeugen, arbeitet unerbittlich an der Aufklärung, hört zu. Vor allem dies. Franck ist der Zuhörer. Und Ani der Bob Dylan der Spannungsliteratur.

In der literarischen Ruhe des Münchner Autors liegt eine Radikalität, die einzigartig ist. Es scheint, als hielte er in seinem Roman das Tempo an, das den Alltag bestimmt, um sich den wahren Dramen zu widmen: Verzweiflung, Trauer, Wut, Einsamkeit und Reue. Ein schmerzhafter, melancholischer, meisterhafter Roman.

Lennard, das Kind, dachte er, hatte ein Anrecht auf die gleiche Gnadenlosigkeit bei der Suche nach dem Mörder, wie sie dieser bei seiner Tat hatte walten lassen.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Liebenswert zynisch

simone buchholz, beton rouge, rezension, günter keil, blogGefühle sind nicht so ihr Ding. Zigaretten und Alkohol schon eher. Und eine sehr spezielle hanseatische Melancholie.

Ich bin der Typ, dem es selten besonders gut geht, außer am Meer. Ich bin der Typ, der bei all der Ungerechtigkeit auf dieser Welt das kalte Kotzen kriegt.“

Sagt Staatsanwältin Chastity Riley, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in „Beton Rouge“ (Suhrkamp) von Simone Buchholz. Im siebten Band überzeugt die Hamburger Autorin wieder mit ihrer schnoddrigen Hauptfigur, ihrem lakonischen Stil und knackigen Dialogen. Riley muss diesmal einen seltsamen Fall lösen: Zwei Medienmanager werden nackt in Käfige gesperrt und vor ihrem Verlagshaus öffentlich ausgestellt – Sadismus? Protest? Rache? Riley erfährt viel über Stellenstreichungen und Gewinnmaximierung. Was ihre Stimmung nicht unbedingt bessert – Rileys liebenswerter Zynismus und dunkler Lokalpatriotismus zählen zu den zahlreichen Stärken dieser Krimireihe.

Andre Leute haben Tanzpartner, ich hab Trinkpartner.“

Mit jeder Menge rauem Charme vermeidet es Simone Buchholz zum Glück, ihre drauflos plappernde Heldin zur Comedyfigur zu stilisieren. Riley bleibt Riley: trocken, eigenwillig, herb. Grandios!

Unten auf der Elbe fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei und schenkt der Stadt seine Abgase.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Kommissar im Alleingang

christian v. ditfurth, giftflut, rezension, günter keilAlleingang. Ein Wort, das Eugen de Bodts Verhalten perfekt beschreibt. Der Berliner Hauptkommissar ist ein sturer Bock – überheblich und kompromisslos zieht er seine Solo-Ermittlungen durch. De Bodt unterläuft die Hierarchie, missachtet Dienstanweisungen. Er ist eine Zumutung für Polizei und Politik. Und ein Geschenk für Christian v. Ditfurths Leser.

Mit seiner grandiosen Hauptfigur punktet v. Ditfurth auch im dritten de-Bodt-Band „Giftflut“ (carl´s books). Die trockenen, teils zynischen Kommentare seines Ermittlers und dessen scharfe Typisierung der Behördenbürokraten sind einmalig: „Wie er diese Pinkel satthatte. Überzeugungsfrei, karrierebewusst. Diener ihres Herren. Die Pension im Auge.“ Doch in Ditfurths Thrillern geht es um viel mehr, um Geld, Gier, Macht. Und diesmal um eine verheerende Anschlagsserie: In Berlin, Paris und London sterben bei Brückenexplosionen hunderte Menschen. Die Politik reagiert panisch, die Bevölkerung hat Angst, es kommt zu Übergriffen auf Minderheiten und Flüchtlinge. Rechtsparteien werden stärker. Aktienmärkte und Wirtschaft stürzen ab. Nur ein Mann hat das Gespür für die Botschaft hinter dem Terror – klar, Querdenker de Bodt. Ein rasanter, spektatkulärer Politthriller. Christian v. Ditfurth schreibt das Beste, was in diesem Genre zurzeit veröffentlicht wird.

Die Ämter blickten sich an. Der Polizeipräsident zog die Mundwinkel erdwärts. Das BKA versteinerte. Die Bundeswehr errötete. Der Verfassungsschutz putzte sich die Nase. Der Generalbundesanwalt räusperte sich.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wie die Mafia an Flüchtlingen verdient

petra reski, bei aller liebe, rezension, günter keilIrgendwie sahen deutsche Staatsanwälte alle gleich aus, wie vom 3-D-Drucker ausgespuckt.“

Petra Reskis Metaphern sind so trocken und lakonisch wie die komplette Sprache ihrer Kriminalromane. In „Bei aller Liebe“ (Hoffmann und Campe) gehen Reski und ihre Hauptfigur mal wieder aufs Ganze – sie stellen sich der Mafia in den Weg. Serena Vitale, eine Anti-Mafia-Staatsanwältin aus Palermo, ermittelt in ihrem dritten Fall. Souverän, schlagfertig und unnachgiebig. Die Ermittlungen könnten brisanter kaum sein. Vitale findet heraus, dass der Sohn eines mächtigen Mafiabosses in Deutschland zum größten Player im Flüchtlingsbusiness aufgestiegen ist. Offiziell ein ganz seriöser Geschäftsmann, vermietet er Unterkünfte und beschäftigt dort Wachdienste, Catering- und Reinigungsfirmen. Ein Milliardengeschäft, das deutsche Politiker und Juristen nicht antasten. 

Petra Reski hat einen mutigen und wichtigen Roman geschrieben – einen, in dem man viel über skrupellose Schleuser, korrupte Politiker, ängstliche Staatsanwälte, opportunistische Journalisten und kriminelle Kirchenmänner lernt. Und über die Mafia, die struktureller Bestandteil des Geschäfts mit den Flüchtlingen geworden ist. Zum Fürchten gut und leider sehr realistisch.

Krimis & Thriller · Rezension

Brutal, intelligent, traumatisiert

candice fox, fall, rezension, literaturblog, günter keilEin Mix aus Lisbeth Salander und weiblichem Dexter – das ist Eden, der noch ziemlich neue fiktive Star der internationalen Thrillerwelt. Eden ist Australierin, und sie spielt die Hauptrolle in Candice Fox´ Trilogie. Eine sozial inkompatible, traumatisierte Polizistin, die nachts auf eigenes Risiko Verbrecher ermordet. Hochintelligent, effektiv und brutal. Eine Frau, die sich vor nichts fürchtet. Weil sie im Grunde genommen schon seit vielen Jahren tot ist.

In „Fall“ (Suhrkamp), dem letzten Teil, versuchen Eden und Frank Bennett, ihr Partner bei der Mordkommission von Sydney, einen Serienkiller aufzuspüren. Dieser Mann (oder eine Frau?) setzt Joggerinnen in Parks mit Betäubungspfeilen außer Gefecht und verunstaltet sie anschließend tödlich. Ein Fall, der aus vielen Thrillern stammen könnte, und auch die Sprache von Candice Fox entspricht dem vielfach veröffentlichten gehobenen Durchschnitt. Was „Fall“ und die Vorgänger „Hades“ und „Eden“ allerdings zu einem unvergesslichen Erlebnis macht, sind die Figuren und ihre Biografien. Eden und ihr im zweiten Band getöteter Bruder Eric wuchsen auf einer Müllhalde bei einem schrägen Unterwelt-König auf, nachdem sie eigentlich schon für tot erklärt wurden. Ihr dunkles Geheimnis macht sie zu Außenseitern – das sind fast alle Figuren der Trilogie. Jeder hat seine düsteren Geheimnisse und Angst davor, enttarnt zu werden. In „Fall“ assisiert eine 17-jährige Asiatin mit blonden, kurz geschorenen Haaren Eden und Frank. Auch sie ist schwer traumatisiert und eine geniale Ermittlerin.

Fazit: eine radikale, bedrohlich spannende Reihe, die leicht lesbar ist – sofern man ihre morbide Grundstimmung erträgt.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Reachers Nahkampf-Choreografie

lee child, der letzte befehl, rezension, literaturblog, günter keil „Ich sagte nichts. Ich bin gut darin, nichts zu sagen. Ich rede nicht gern.“

Ein typischer Jack-Reacher-Satz. Trocken, lakonisch, auf den Punkt. Genauso wie der Ton aller Jack-Reacher-Romane von Lee Child. „Der letzte Befehl“ (Blanvalet), der neueste Band aus dieser Reihe, geht zurück ins Jahr 1997. Militärpolizist Reacher ist damals 36 Jahre alt, und er wird von seinen Vorgesetzten in die Pampa nach Mississippi geschickt. In Charter Crossing, einem heruntergekommenen Dorf, soll er inkognito eine Mordserie in der Nähe eines Army-Stützpunktes aufklären. Klar, dass Reacher einige lokale Kriminelle in die Quere kommen – doch mit gezielten Faustschlägen, Kopfstößen und einer alten Schrotflinte weiß sich der abgebrühte Soldat zu helfen. Lee Child skizziert erneut perfekt die Nahkampf-Choreografie seines wortkargen Helden. Und er stellt ihm eine attraktive Frau zur Seite: Der Sheriff des Dorfes ist eine Ex-Marine, die ebenso lässig ermittelt wie Reacher. „Der letzte Befehl“ lebt von den knackigen Dialogen und der erotischen Spannung zwischen den beiden Ermittlern. Und vom gewohnt souveränen Einsatz des intelligenten Soldaten. Nicht der beste Reacher, aber trotzdem lesenswert. Und besser als jede der unsäglichen Verfilmungen mit Fehlbesetzung Tom Cruise.

Interview · Krimis & Thriller

Im Interview: Don Winslow

don winslow, interview, corruption, günter keil, literaturblogSchlagfertig und schlau ist er – zwei der Gründe, warum ich immer wieder gerne Don Winslow treffe. Vor allem jetzt, nachdem sein neuer Thriller „Corruption“ erschienen ist. Eines der besten Bücher des 62-jährigen, wie ich finde. Also: Los geht´s:

Für die Recherche Ihres neuen Thrillers sind Sie zurück in Ihre alte Heimat New York City gekommen – wie war das Wiedersehen? Ein großes Abenteuer! Ich streifte stundenlang durch die Straßen, besuchte meine früheren Lieblingsplätze, sprach mit Gangstern, Drogendealern und Polizisten. Da sich mein Roman vor allem um den Alltag eines Elite-Cops und seiner Einsatztruppe dreht, habe ich besonders viel Zeit mit Polizisten und ihren Familien verbracht. Am besten war, dass ich bei ihren Einsätzen mitfahren durfte: Verhaftungen, Razzien, Schießereien – ich habe alles aus nächster Nähe mitverfolgt.

Wir sind alle korrupt“ sagt Ihre Hauptfigur, der Elite-Polizist Denny Malone. Hat er recht? In seiner Welt in New York sind tatsächlich alle korrupt. Er beobachtet das jeden Tag, wenn er mit seiner Sondereinheit durch Harlem zieht und Verbrecher jagt. Das ist eine der moralischen Gefahren seines Jobs: man glaubt, dass jeder trickst, lügt, bestechlich ist und Hintergedanken hat. Außerdem sehen Malone und seine Truppe ständig, welch riesige Summen im Drogenhandel verdient werden – das verführt. Ich sehe das etwas differenzierter – jeder von uns hat den Samen der Korruption in sich, aber entscheidend ist, ob man ihn keimen lässt. corruption, don winslow, günter keil

Hat man Ihnen schon einmal Geld geboten, um in einer bestimmten Weise zu schreiben? Verleger haben mir hohe Summen versprochen, wenn ich endlich mal einen ganz normalen, banalen Krimi schreibe. Aber darauf habe ich einfach keine Lust! Man hat mir oft gesagt, dass ich zu düster, politisch, brutal, verschroben und komplex schreibe, und dass meine Karriere bald am Ende ist. Zum Glück ist es anders gekommen – und ich bin meinen Stil treu geblieben.

Sie scheuen sich nicht, auch positiv über Gangster und bestechliche Polizisten zu schreiben. Mögen Sie etwa Ihre fragwürdigen Figuren? Das ist nicht leicht zu beantworten. Es mag seltsam klingen, aber, wenn ich schreibe, bemühe ich mich ganz bewusst, nicht objektiv zu sein. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mit Distanz aufs Geschehen zu blicken und es zu kommentieren, sondern in die Köpfe meiner Figuren zu gehen und dafür zu sorgen, dass meine Leser alles durch deren Augen sehen. Zweifellos tun meine Figuren grenzwertige, unangemessene Dinge, aber es ist völlig egal, wie ich darüber denke. Wichtig ist nur, wie sie darüber denken. Erst dann können meine Leser ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Das komplette Interview wird als Special in der Playboy-Ausgabe 08/17 erscheinen (Mitte Juli).