Brisante BND-Mission

„Menschen sind gestorben, Schicksale und Karrieren zerstört, doch am Ende zählt nur eines: dass der Apparat selbst unbeschadet bleibt.“

Februar 2003. Die USA planen, in den Irak einzumarschieren. Zur Legitimation behauten sie, dass dort Massenvernichtungswaffen hergestellt werden. Beweise liefert der BND Informant »Curveball« – wie sich später herausstellt, hat er gelogen, und der Krieg gegen den Irak war völkerrechtswidrig. So viel zur Realität, die Oliver Bottini in „Einmal noch sterben“ (DuMont) mit brisanter Fiktion vermischt.

Im Mittelpunkt des rasanten Plots steht BND Agent Frank Jaromin, ein erfahrener Scharfschütze, der im Auftrag des Kanzleramts in geheimer Mission nach Bagdad reist. Dort soll er sich mit einer irakische Regimegegnerin treffen, die behauptet, dass die Informationen von Curveball falsch sind. Wenn das stimmt, kann der Krieg noch verhindert werden – doch eine Gruppe Verschwörer innerhalb des BND will den Krieg um jeden Preis, denn sie arbeitet für die USA, gegen die eigene Regierung.

Oliver Bottini zeigt, wie Politiker und Agenten taktieren und tricksen, wie sie die Öffentlichkeit und sich gegenseitig täuschen, die Wahrheit verdrehen und verschleiern. Ein hochwertiger Hochtempo-Thriller, in präziser, knapper Sprache von rauer Schönheit. Ohne Füllmaterial, ohne einen einzigen überflüssigen Satz, und erschütternd gut konstruiert. Besser kann man einen Polit Thriller nicht schreiben.

Was mir außerdem gut gefällt: Bottini interessiert auch die menschliche Komponente – wie leben seine Protagonist*innen mit der Anspannung, der Geheimhaltung, dem Tod, den Lügen, der Schuld? Wie weit sind Sie bereit zu gehen, für die Karriere, die Demokratie? Antworten liefert Bottini, der sich für dieses Buch fünf Jahre Zeit gelassen hat und immer auf höchstem internationalen Niveau schreibt.

Ich stelle den Roman heute in meiner Literatursendung bei egoFM vor – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Sechzehn Pferde

„Dunkle Autos, unterwegs auf dunklen Straßen. In der Marsch, die zu dieser Stunde nur aus Schatten bestand. Die flache Weite verschlang die Fahrzeuge. Sie tanzten durch das Dunkel, durch die Leere.“

Schon lange hat mich kein Roman so beunruhigt, so erschaudern lassen wie diese dunkle Geschichte. Die Atmosphäre in Greg Buchanans „Sechzehn Pferde“ (S.Fischer, übersetzt von Henning Ahrens) kam mir vor wie in Twin Peaks, und ein bisschen wie in den Wallander-Krimis von Henning Mankell. Also, hochwertige Spannung, die nicht durch Action erzeugt wird, sondern durch eine kaum auszuhaltende Schwere und Melancholie.

Zum Plot: In einem heruntergekommenen englischen Küstenort werden auf einer Farm 16 Pferdeköpfe entdeckt. Sie wurden kreisförmig eingegraben. Klar ist zunächst nur, dass ein furchtbares Verbrechen an den Tieren stattgefunden hat. Aufklären soll die Tat eine Tierärztin und Forensikerin, Dr. Cooper Allen. Die wortkarge Spezialistin arbeitet mit dem örtlichen Polizisten Alec Nichols zusammen, beide sind Außenseiter, und beide spüren, dass etwas zutiefst Verstörendes und Bedrohliches von dem Fall ausgeht.

Tatsächlich verbreitet sich durch die Pferde-Kadaver eine Infektion, die Gemeinde wird unter Quarantäne gestellt. Später gehen auch noch zwei Farmen in Flammen auf und ein junger Mann verschwindet. Greg Buchanan erzählt unaufgeregt, reduziert und in hoher literarischer Qualität von gequälten Tieren und verlorenen Seelen in einer sterbenden Stadt. Seine Sätze haben etwas Endgültiges und schmerzhaft Schönes – ein herausragender Spannungsroman um Schuld und Vergeltung.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Die modernen Robin Hoods

Endlich. Ja, endlich dreht eine Autorin mal den Spieß um. Anne Freytags Thriller „Reality Show” (dtv) ist keine Dystopie über Staaten, in denen Autokraten und Konzerne noch stärker ins Privatleben eingreifen als heute – davon gab es zahlreiche in den vergangenen Jahren. Freytags Zukunftsvision beschreibt dagegen, wie sich eine Gruppe junger Leute an jenen rächt, die von sozialer Ungerechtigkeit profitieren und sich weiter bereichern, auf Kosten von Mensch und Umwelt. Diese Systemgewinner werden nicht etwa gefoltert oder getötet, sondern öffentlich an den Pranger gestellt.

So sieht das Szenario aus: In der „Reality Show”, einer auf allen TV- und Internet-Plattformen live ausgestrahlten Sendung, müssen sich die einflussreichsten Personen Deutschlands kritischen Fragen stellen. Zuvor wurden sie von Maskierten aus ihren Villen, Chalets und Berghütten entführt. Nun stehen sie im Rampenlicht: Fondsmanager, Unternehmerinnen, Investoren, Wirtschaftsbosse, Autoproduzenten und eine Frau, die 1.800 Immobilien besitzt. 1.799 davon werden in der „Reality Show” öffentlich verlost. Soziale Gerechtigkeit ist das Ziel, und die Zuschauer*innen entscheiden mit, welche Mächtigen für ihre Gier und Rücksichtslosigkeit bestraft werden sollen.

Mit hohem Tempo und schnellen Schnitten jagt Anne Freytag ihre Protagonist*innen durch den gesellschaftskritischen Plot um. Zunächst zeigt sie, wie Vertreter der Elite gekidnappt und vor die Kameras gebracht werden – von höflichen, kultivierten Geiselnehmern. Denn hinter der spektakulären Robin-Hood-Aktion stecken Philipp, Julia, Erich und Paul, allesamt gebildete Endzwanziger. Sie beschließen, nicht länger passiv mitanzusehen, wie sich das Vermögen Einzelner vervielfacht, während Millionen Arbeiter und Angestellte kaum noch ihre Mieten zahlen können. Die jahrelang akribisch geplante „Reality Show” prangert jedoch nicht nur die Privilegierten an, sondern auch das Konsumverhalten und die Trägheit der Bürger und den absurden Überfluss, in dem nicht nur Reiche leben.

Ob die Show ein Erfolg wird und ihre Erfinder verurteilt werden? Verrate ich nicht. Nur so viel: Dieser Thriller bietet eine verdammt spannende und erfrischend brisante Antwort auf Fragen nach moralischer, sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung. Erst lesen, dann darüber diskutieren!

Mein Interview mit Anne lief im November in meiner Literatursendung auf egoFM – Ihr könnt es nachträglich hören. Zur Show hier. 

Die Nachtbuchhandlung aus Bari

„Das einschneidenste Ereignis dieser Tage waren die Stunden bei meinem Freund Ottavio in der Osteria del caffe latte, die trotz ihres Namens eine Buchhandlung ist, mit einer recht seltenen Eigenart: Sie ist ausschließlich nachts geöffnet.“

Da ist er also wieder, nach fünf Jahren Pause: Der Anwalt Guido Guerrieri aus Bari, ein feinfühliger, melancholischer Intellektueller, der trotzdem sehr bodenständig wirkt. Das Streben nach Glück und Gerechtigkeit treibt die Hauptfigur in Gianrico Carofiglios Roman „Zeit der Schuld“ (Goldmann, übersetzt von Verena von Koskull) um, er hinterfragt ständig sich und seinen Berufsstand, und erzählt persönlich und ehrlich von seinem neuen Fall.

Lorenza heißt die Frau, mit der Guerrieri vor fast 30 Jahren mal für ein paar Wochen zusammen war. Nun bittet sie ihn darum, ihren Sohn Jacopo vor Gericht vertreten. Der junge Mann ist ein Drogendealer, und er soll einen Mord begangen haben. Die Beweislast scheint erdrückend, doch Guerrieri und sein kleines Team finden tatsächlich ein paar Lücken im Verfahren.

Gianrico Carofiglio überzeugt in diesem unterhaltsamen Krimi erneut mit einer realistischen Schilderung des Anwaltsalltags. Seine sympathische Hauptfigur berichtet von Papierkram, Formsachen, Verfahrensfragen und Instanzen – doch zum Glück dreht sich diese Krimireihe nie allein um die Rechtsprechung, sondern immer auch um philosophische Fragen. Und natürlich um die wunderbare Nachtbuchhandlung und einen Anwalt, den ich sofort engagieren würde, wenn ich juristische Probleme hätte.

Ich habe das Buch am 12. Juni in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Wie weit darf eine Regierung gehen, um Terroristen zu fassen?

Was passiert, wenn Terroristen dem Staat den Krieg erklären? Wenn sie Menschen entführen und erschießen und die Freilassung von Gefangenen verlangen? Wie weit darf eine Regierung gehen, um Terroristen zu fassen?

Diese Fragen waren im Herbst 1977 brandaktuell: Die RAF legte Bomben, nahm Geiseln und erschoss Menschen. Ihre Mitglieder wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, sie traten im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim in Hungerstreik und planten von dort aus neue Anschläge.

Soweit die Ausgangslage von „44 Tage“ (Penguin), eines packenden Politthrillers. Er beginnt mit der Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer durch die RAF. Deutschland ist im Ausnahmezustand, die Regierung schlittert von einem Krisenstab zum nächsten, die Ermittlungsbehörden suchen fieberhaft nach den Tätern, viele Bürger haben Angst vor noch mehr Terror und dem Verlust der Ordnung.

Doch wie lässt sich die Ordnung aufrechterhalten, und was passiert mit der Verfassung, den Grundrechten, wenn ein Land gegen Terrorismus kämpft?

Stephan R. Meier konzentriert sich auf diese brisanten Fragen. Er ist der Sohn des damaligen Verfassungsschutzleiters Richard Meier, und sein realistischer Thriller zoomt direkt in die Meetings von Regierung, BKA, BND und Sonderkommissionen. Außerdem begleitet er einzelne Akteure des Dramas in eigenen Kapiteln – etwa einen Polizeibeamten, der von Beginn der Entführung an den Aufenthaltsort der Terroristen ahnte, dessen Hinweise jedoch nicht berücksichtigt wurden.

Ein aufregendes, anregendes Buch, das aktuelle Bezüge herstellt: Denn auch beim Kampf gegen die neuen Rechtsextremen oder gegen Corona müssen die Grundrechte gewahrt bleiben. Stephan R. Meier macht in seinem klugen Nachwort auf eine weitere bedenkliche Parallele aufmerksam: Die Linksextremen von damals und die Rechtsextremen von heute eint ihr Hass auf Israel, ihre antisemitische Haltung.

Ich habe das Buch am 10. April in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

„Wenn man sich vor der Welt verstecken will, ist diese herbstlethargische Gegend, in der die Natur in stiller Balance und Harmonie zu leben scheint, keine schlechte Wahl.“ 

Stimmt. Dieser Kriminalroman lebt von der Herbstlethargie auf Gotland und auf Farö, der vorgelagerten Insel. Aber auch von vielen anderen Faktoren – dazu später mehr.„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ heißt das neue Werk von Hakan Nesser (btb, übersetzt von Paul Berf), in dem – logischerweise – Inspektor Gunnar Barbarotti ermittelt. Wobei der schwedische Kommissar eigentlich mit seiner Polizeikollegin und Lebensgefährtin Eva Backman zwei Monate Urlaub machen will. Im Norden Gotlands nehmen sie sich eine Auszeit. Gotland, diese geschützte, stille Insel, auf der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, eignet sich perfekt, um Abstand zu gewinnen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Barbarotti glaubt, einen Mann erkannt zu haben, der eigentlich tot sein müsste. Ein Busfahrer, der vor 11 Jahren ohne Verschulden einen Unfall verursachte, bei dem 18 Menschen starben. Dieser Busfahrer bekam Morddrohungen und wurde später angeblich auf einer Finnlandfähre über Bord geworfen. Der Fall galt als abgeschlossen. Doch Barbarotti und Backmann ahnen, dass es noch einiges zu ermitteln gibt. Und dass ihr Urlaub den Recherchen zum Opfer fällt.

Hakan Nesser glänzt mal wieder durch seine Markenzeichen: Eine raffiniert aufgebaute Geschichte auf mehreren Zeitebenen. Ein verständnisvoller Blick auf seine Figuren, unvorhersehbare Wendungen und eine humane, leicht ironische Sprache. Was mir bei Nesser besonders gut gefällt: Sine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die wichtigen Grundfragen des Lebens einlädt. Fazit: Entspannte Spannung.

Aye, aye, Sean Duffy!

„Im Leben geh es im Grunde darum, sich mit Niederlagen abzufinden. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt? Nein? Dann hängen Sie aus philosophischer Sicht mit den falschen Leuten ab, aber aus psychischer Sicht vielleicht mit den richtigen.“

Ein typischer Satz des nordirischen Detective Inspector Sean Duffy. Die Serie um den katholischen Bullen in einem protestantischen Viertel von Belfast zählt zu den besten im Spannungsgenre. Weltweit. Das liegt vor allem an Adrian McKintys Sprache – lakonisch, lässig, pointenreich, klug, schnell und getränkt von schwarzem Humor. Auch die Figur des Sean Duffy überzeugt in jedem neuen Fall; diesmal im achten, besonders gelungenen Krimi des Gerechtigkeitsfanatikers und Prototyps des einsamen Wolfs, Duffy.

In „Alter Hund, neue Tricks“ (Suhrkamp Nova, übersetzt von Peter Torberg) ist Sean Duffy hin- und hergerissen zwischen seinen Rollen als verantwortungsvoller Familienmensch und durchgeknalltem Kerl mit Dienstwaffe. Der Plot spielt 1992, als Duffy zwei Morde an verdeckten IRA-Attentätern aufklären soll. Der Polizist mit dem losen Mundwerk pendelt nach Hause nach Schottland, ermittelt in Irland, gerät in lebensgefährliche Schießereien und eine wilde Verfolgungsjagd auf einem Motorrad. Und wie in jedem Band trinkt Duffy ausreichend Wodka und Whisky, um in die richtige Stimmung zu geraten.

Es ist faszinierend, wie scheinbar locker Adrian McKinty die politische Situation im Nordirland der späten 1980-er und frühen 90-er in seine trickreich konstruierten Geschichten packt. So plump und einfallslos der Titel des neuen Sean-Duffy-Falls auch klingt – Sprache und Inhalt heben sich meilenweit vom üblichen Krimiserieneinerlei ab. Aye, aye, Sean Duffy!

Ich habe den Thriller in meiner Buchsendung am 22.8.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Cowboyprosa

„Dummheit war kein Schwerverbrechen. War überhaupt kein Verbrechen. Nur ein Handicap.“

Trockene Kommentare in einer klaren, kantigen Sprache – das kann nur Jack Reacher sein, der Serienheld von Lee Child. In seinem neuen Fall „Bluthund“ (Blanvalet) begibt sich der ehemalige Militärpolizist auf einen Road Trip durch Wisconsin, South Dakota und Wyoming. Als Anhalter auf staubigen Landstraßen, als Ermittler in versteckt im Wald gelegenen Farmhäusern und im Gespräch mit verschrobenen Amerikanern mit Geheimnissen. Mit Erfolg: Reacher kommt einer Bande von illegalen Opiate-Händlern auf die Spur und spürt eine schwer verletzte Veteranin auf, die medikamentenabhängig ist. Davor allerdings wird ein Kopfgeld auf ihn angesetzt, und ein FBI-Agent kommt ihm in die Quere.

Dieser Jack Reacher, der von sich behauptet, er sei „nur ein gewöhnlicher Kerl auf der Durchreise“, ist ein großer, starker Typ mit einer linken Faust „so groß wie ein Hühnchen aus dem Supermarkt“. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, er hat alles im Griff, und er hat vor allem: Prinzipien. Charakter. Moral. Die legendäre Figur verkörpert ganz altmodisch das Gute im Mann, und es bereitet jedes Mal wieder großes Lesevergnügen, wenn dieser Cowboy ohne Handy und ohne Gepäck seine Ermittlungen vorantreibt. Stur und ruhelos, obwohl er wie die Ruhe in Person wirkt, der Fels in der Brandung.

Auch der 22. Reacher-Roman überzeugt also mit erdiger, abgebrühter Prosa im Westernstyle (großartig übersetzt von Wulf Bergner), mit präzisen Beschreibungen von Mensch und Natur, mit knisternden, pointierten Dialogen, bei denen jedes Wort stimmt.

Nur fürs Protokoll noch einmal der Hinweis: Jener Jack Reacher, den Tom Cruise in den Hollywood-Verfilmungen spielt, hat nichts mit dem Jack Reacher aus den Büchern zu tun. Gar nichts. Er ist nur peinlich.

Am 8. August stelle ich den Thriller in meiner Buchsendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

Die perfekte Gesellschaft?

„Die perfekte Gesellschaft. Teilhabe für alle, die perfekt gesund sind und funktionieren. Ist etwas kaputt, wird es ausgetauscht. Spielt die Psyche nicht mit, wird sie repariert. Weg mit den Kranken und Schwachen. Weg mit störenden Föten. Fitte Menschen bis ins höchste Alter, das spart steigende Gesundheits- und Pflegekosten.“

Ja, wer fit ist, hat nichts zu befürchten. Wer hinterfragt, lebt gefährlich und bekommt Abzüge bei seinen Sozialpunkten. Im Deutschland der Zukunft, das Zoë Beck in ihrem unheimlichen, aber nicht unwahrscheinlichen Thriller „Paradise City“ (Suhrkamp) beschreibt, wird alles überwacht und von Algorithmen gesteuert. Jeder Bürger muss immer sein Smartcase mit sich führen – eine Karte, auf der alle personenbezogenen Daten gespeichert sind. Kranke werden von einer Gesundheits-App minutiös kontrolliert, und die Medien verkünden nur noch Staatspropaganda. Nach mehreren Pandemien und Antibiotikaresistenzen ist die Bevölkerung geschrumpft, und die Natur erobert sich teilweise wieder ihren Raum zurück.

Hauptfigur Liina ist eine der letzten unabhängigen Journalist*innen. Gemeinsam mit ihrem Team beschafft sie brisante Daten und Fakten, filmt und fotografiert heimlich. Doch nicht nur deswegen schwebt sie in permanenter Gefahr: Liina hat ein Spenderherz, das allmählich schwächer wird. Die Zeit läuft also gegen die junge Frau. Doch Liina und ihre Kolleg*innen geben nicht auf – sie recherchieren mysteriöse Todesfälle und kommen geheimen Forschungsprojekten auf die Spur. In knappen, klaren Sätzen treibt Zoë Beck ihre Hauptfigur durch den straffen Plot.

Die Berliner Autorin zeichnet ein düsteres Gesellschaftsbild, das vertraut erscheint. Denn viele der beschriebenen Entwicklungen beginnen schon heute. So wird aus diesem spannenden Roman eine eindringliche Warnung: Stoppt den Wahnsinn, bevor es zu spät ist! Geschrieben hat Beck das Manuskript ihres Thrillers übrigens schon lange vor Corona – erstaunlich hellseherisch.

Mein Interview mit Zoë Beck könnt Ihr in meiner Buchsendung auf egoFM vom 11. Juli nachhören – zur Show hier.

Der fatale Seitensprung

Kennt Ihr das auch? Wenn man am Ende einer Netflix-Serienfolge einfach nicht widerstehen kann und unbedingt weitergucken muss? Weil die Spannung und die Neugier so groß sind und weil der Cliffhanger so genial konstruiert ist. Genauso ging es mir beim Lesen jedes Kapitels des neuen Thrillers von Jason Starr, „Seitensprung“ (Diogenes). Ich war völlig gebannt und konnte nicht aufhören. Bis zum überraschenden Finale.

Der New Yorker Autor erzählt die Geschichte eines ehemaligen Rockgitarristen, der schon lange keine Musik mehr macht und schon lange keinen Sex mehr mit seiner Frau hat. Jack Harper ist gelangweilt und gefrustet, Schulden muss er auch noch abbezahlen, und nur mühsam schlägt er sich als Immobilienmakler durch. Das einzige, was ihm Freude macht, ist sein Sohn Jonah. Und, neuerdings, eine Seitensprung-Website. Jack kann der Versuchung nicht widerstehen und lässt sich auf eine Online-Affäre ein.

Aus dem erhofften Sex-Abenteuer wird ein Alptraum. Jack gerät in einem Mordfall unter Verdacht und verliert Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben. Wie in einem Auto, dessen Bremsen nicht mehr funktionieren, rast Jack auf den Abgrund zu. Jason Starr erzählt diesen prickelnden und packenden Thriller aus Jacks Perspektive – manchmal möchte man ihn schütteln, vor neuem Unglück bewahren: Mann, lass das sein! Aber er tut sowieso was er will.

In diesem raffiniert konstruierten Pageturner gibt es nur drei Gewaltszenen, und trotzdem platzt er fast vor Anspannung. Zwischen den Zeilen stellt Jason Starr wichtige Grundsatzfragen: Was wird aus den Träumen und Leidenschaften, der Liebe? Wie kann man aus dem Alltagstrott ausbrechen, und was muss man dafür bezahlen? Jack weiß es nach diesem Abenteuer jedenfalls ganz genau.

Übrigens: Ich stelle diesen Roman auch in der Premiere meiner neuen Buchsendung auf egoFM vor. Mehr Infos bald…