Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Drei Lehrer als Hobby-Detektive

hakan nesser, der fall kallmann, rezension, blog, günter keilStrebt ein Schriftsteller nicht danach, die Seele seines Lesers zu umgarnen?“ fragt einer der Protagonisten dieses Kriminalromans. Wie recht er hat – Hakan Nesser umgarnt mal wieder die Seele seiner Leser, so wie er es schon oft erfolgreich getan hat. In „Der Fall Kallmann“ (btb) setzt der schwedische Autor auf vier verschiedene, ruhige Erzählstimmen. Drei Lehrer und eine Schülerin von der Gesamtschule einer Kleinstadt schildern ihre ganz persönlichen Eindrücke.

Lange Zeit passiert kaum etwas: Leon Berger tritt seinen neuen Job als Schwedischlehrer an und ignoriert die Gerüchte, die sich um seinen Vorgänger drehen. Eugen Kallmann, so hieß der Pädagoge, starb unter seltsamen Umständen. Und er war ein seltsamer Mann. Unkonventionell, geheimnisvoll, aber bei den Schülern beliebt. Angeblich, so heißt es, habe er kurz vor seinem Tod an der Aufklärung eines Verbrechens gearbeitet. Als sein Nachfolger auf Kallmanns Tagebücher und Notizen stößt, wird er neugierig. Leon Berger startet seine privaten Ermittlungen. Ludmilla und Igor, ebenfalls Lehrer, helfen ihm bei der ungewohnten Arbeit. Hakan Nesser bringt sogar noch mehr Hobby-Detektive ins Spiel: Andrea und Emma, zwei Schülerinnen, wollen ebenfalls wissen, was wirklich mit Kallmann geschah. Sie erzählen in eigenen Kapiteln von ihren Mutmaßungen, Ahnungen, Erkenntnissen.

Und dann passiert doch noch etwas: Rechtsradikale Drohbriefe tauchen in der Schule auf. Und ein Schüler stirbt. Selbstmord? Mord? Ein Zusammenhang mit Kallmanns Tod? Hakan Nesser ist ein gewiefter Plotkonstrukteur, der seine Leser gekonnt bis zum Schluss in die Irre führt. „Der Fall Kallmann“ ist ein charmanter, gepflegter Kleinstadt-Kriminalroman mit überraschender Auflösung.

Interview · Krimis & Thriller

Die therapeutische Wirkung von Krimis

arne dahl, sechs mal zwei, günter keil, krimiIch hasse Keller und mag kein Blut. Aber ich schreibe gerne darüber. In meinem neuen Thriller `Sechs mal Zwei´ gibt es zum Beispiel eine schrecklich spannende Kellerszene und jede Menge Blut“ hat mir Arne Dahl auf einer seiner Lesungen verraten, die ich moderiert habe. „Mir hilft das wie eine Katharsis.“

Der schwedische Bestsellerautor weiß also, dass Spannungsromane eine therapeutische Wirkung haben. Nicht nur, weil sie helfen können, sich persönlichen Abneigungen zu stellen. Sondern auch, weil sie in unruhigen Zeiten Sicherheit und Kontrolle verheißen: „In einer Welt, in der Menschen wie Trump regieren und Fake-News üblich geworden sind, beinhalten Krimis und Thriller das Versprechen an ihre Leser: es wird zwar unangenehm, und ihr müsst etwas aushalten, aber dann kommt garantiert eine Lösung. Das Problem ist unter Kontrolle. Genau diese verlässliche Kontrolle, die das Grauen in Grenzen hält, macht die Faszination von Spannungsliteratur aus.“

Und wie geht es weiter mit dieser aktuellen „dummen Welt“, wie sie Arne Dahl nennt? Er gibt die Hoffnung nicht auf: „Alle wichtigen menschlichen Entwicklungen und Errungenschaften, die Zivilisation, der Humanismus, sind aus Rückschlägen und Krisen entstanden. Auch aus dem Dunkel kann sich Helligkeit entwickeln – darauf vertraue ich.“ Möge er Recht behalten und die Katharsis funktionieren!

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Der Bob Dylan der Spannungsliteratur

friedrich ani, ermordung des glücks, rezension, günter keil, blogEine verzweifelte Mutter stolpert betrunken durchs nächtliche München. Müde Menschen stehen an den Fenstern ihrer Wohnungen und schauen ratlos auf die Straßen. Ein erschöpfter Kommissar liegt auf einer Wolldecke, Arme und Beine von sich gestreckt, und hört auf die Stimme in seinem Inneren. Zwei traurige Geschwister, Mann und Frau, liegen in einem Bett und halten sich tröstend an den Händen.

In „Ermordung des Glücks“ (Suhrkamp) von Friedrich Ani leiden die Protagonisten, immerfort. Die Stadt, in der sie leben, ist kalt und dunkel. Ein 11-jähriger Junge wurde ermordet, und niemand weiß, von wem, warum, wo. Den pensionierten Kommissar Jakob Franck lässt dieser Fall (sein zweiter nach „Der namenlose Tag“) nicht los. Er vergräbt sich tief in den Akten, befragt mögliche Zeugen, arbeitet unerbittlich an der Aufklärung, hört zu. Vor allem dies. Franck ist der Zuhörer. Und Ani der Bob Dylan der Spannungsliteratur.

In der literarischen Ruhe des Münchner Autors liegt eine Radikalität, die einzigartig ist. Es scheint, als hielte er in seinem Roman das Tempo an, das den Alltag bestimmt, um sich den wahren Dramen zu widmen: Verzweiflung, Trauer, Wut, Einsamkeit und Reue. Ein schmerzhafter, melancholischer, meisterhafter Roman.

Lennard, das Kind, dachte er, hatte ein Anrecht auf die gleiche Gnadenlosigkeit bei der Suche nach dem Mörder, wie sie dieser bei seiner Tat hatte walten lassen.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Liebenswert zynisch

simone buchholz, beton rouge, rezension, günter keil, blogGefühle sind nicht so ihr Ding. Zigaretten und Alkohol schon eher. Und eine sehr spezielle hanseatische Melancholie.

Ich bin der Typ, dem es selten besonders gut geht, außer am Meer. Ich bin der Typ, der bei all der Ungerechtigkeit auf dieser Welt das kalte Kotzen kriegt.“

Sagt Staatsanwältin Chastity Riley, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in „Beton Rouge“ (Suhrkamp) von Simone Buchholz. Im siebten Band überzeugt die Hamburger Autorin wieder mit ihrer schnoddrigen Hauptfigur, ihrem lakonischen Stil und knackigen Dialogen. Riley muss diesmal einen seltsamen Fall lösen: Zwei Medienmanager werden nackt in Käfige gesperrt und vor ihrem Verlagshaus öffentlich ausgestellt – Sadismus? Protest? Rache? Riley erfährt viel über Stellenstreichungen und Gewinnmaximierung. Was ihre Stimmung nicht unbedingt bessert – Rileys liebenswerter Zynismus und dunkler Lokalpatriotismus zählen zu den zahlreichen Stärken dieser Krimireihe.

Andre Leute haben Tanzpartner, ich hab Trinkpartner.“

Mit jeder Menge rauem Charme vermeidet es Simone Buchholz zum Glück, ihre drauflos plappernde Heldin zur Comedyfigur zu stilisieren. Riley bleibt Riley: trocken, eigenwillig, herb. Grandios!

Unten auf der Elbe fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei und schenkt der Stadt seine Abgase.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Kommissar im Alleingang

christian v. ditfurth, giftflut, rezension, günter keilAlleingang. Ein Wort, das Eugen de Bodts Verhalten perfekt beschreibt. Der Berliner Hauptkommissar ist ein sturer Bock – überheblich und kompromisslos zieht er seine Solo-Ermittlungen durch. De Bodt unterläuft die Hierarchie, missachtet Dienstanweisungen. Er ist eine Zumutung für Polizei und Politik. Und ein Geschenk für Christian v. Ditfurths Leser.

Mit seiner grandiosen Hauptfigur punktet v. Ditfurth auch im dritten de-Bodt-Band „Giftflut“ (carl´s books). Die trockenen, teils zynischen Kommentare seines Ermittlers und dessen scharfe Typisierung der Behördenbürokraten sind einmalig: „Wie er diese Pinkel satthatte. Überzeugungsfrei, karrierebewusst. Diener ihres Herren. Die Pension im Auge.“ Doch in Ditfurths Thrillern geht es um viel mehr, um Geld, Gier, Macht. Und diesmal um eine verheerende Anschlagsserie: In Berlin, Paris und London sterben bei Brückenexplosionen hunderte Menschen. Die Politik reagiert panisch, die Bevölkerung hat Angst, es kommt zu Übergriffen auf Minderheiten und Flüchtlinge. Rechtsparteien werden stärker. Aktienmärkte und Wirtschaft stürzen ab. Nur ein Mann hat das Gespür für die Botschaft hinter dem Terror – klar, Querdenker de Bodt. Ein rasanter, spektatkulärer Politthriller. Christian v. Ditfurth schreibt das Beste, was in diesem Genre zurzeit veröffentlicht wird.

Die Ämter blickten sich an. Der Polizeipräsident zog die Mundwinkel erdwärts. Das BKA versteinerte. Die Bundeswehr errötete. Der Verfassungsschutz putzte sich die Nase. Der Generalbundesanwalt räusperte sich.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wie die Mafia an Flüchtlingen verdient

petra reski, bei aller liebe, rezension, günter keilIrgendwie sahen deutsche Staatsanwälte alle gleich aus, wie vom 3-D-Drucker ausgespuckt.“

Petra Reskis Metaphern sind so trocken und lakonisch wie die komplette Sprache ihrer Kriminalromane. In „Bei aller Liebe“ (Hoffmann und Campe) gehen Reski und ihre Hauptfigur mal wieder aufs Ganze – sie stellen sich der Mafia in den Weg. Serena Vitale, eine Anti-Mafia-Staatsanwältin aus Palermo, ermittelt in ihrem dritten Fall. Souverän, schlagfertig und unnachgiebig. Die Ermittlungen könnten brisanter kaum sein. Vitale findet heraus, dass der Sohn eines mächtigen Mafiabosses in Deutschland zum größten Player im Flüchtlingsbusiness aufgestiegen ist. Offiziell ein ganz seriöser Geschäftsmann, vermietet er Unterkünfte und beschäftigt dort Wachdienste, Catering- und Reinigungsfirmen. Ein Milliardengeschäft, das deutsche Politiker und Juristen nicht antasten. 

Petra Reski hat einen mutigen und wichtigen Roman geschrieben – einen, in dem man viel über skrupellose Schleuser, korrupte Politiker, ängstliche Staatsanwälte, opportunistische Journalisten und kriminelle Kirchenmänner lernt. Und über die Mafia, die struktureller Bestandteil des Geschäfts mit den Flüchtlingen geworden ist. Zum Fürchten gut und leider sehr realistisch.

Krimis & Thriller · Rezension

Brutal, intelligent, traumatisiert

candice fox, fall, rezension, literaturblog, günter keilEin Mix aus Lisbeth Salander und weiblichem Dexter – das ist Eden, der noch ziemlich neue fiktive Star der internationalen Thrillerwelt. Eden ist Australierin, und sie spielt die Hauptrolle in Candice Fox´ Trilogie. Eine sozial inkompatible, traumatisierte Polizistin, die nachts auf eigenes Risiko Verbrecher ermordet. Hochintelligent, effektiv und brutal. Eine Frau, die sich vor nichts fürchtet. Weil sie im Grunde genommen schon seit vielen Jahren tot ist.

In „Fall“ (Suhrkamp), dem letzten Teil, versuchen Eden und Frank Bennett, ihr Partner bei der Mordkommission von Sydney, einen Serienkiller aufzuspüren. Dieser Mann (oder eine Frau?) setzt Joggerinnen in Parks mit Betäubungspfeilen außer Gefecht und verunstaltet sie anschließend tödlich. Ein Fall, der aus vielen Thrillern stammen könnte, und auch die Sprache von Candice Fox entspricht dem vielfach veröffentlichten gehobenen Durchschnitt. Was „Fall“ und die Vorgänger „Hades“ und „Eden“ allerdings zu einem unvergesslichen Erlebnis macht, sind die Figuren und ihre Biografien. Eden und ihr im zweiten Band getöteter Bruder Eric wuchsen auf einer Müllhalde bei einem schrägen Unterwelt-König auf, nachdem sie eigentlich schon für tot erklärt wurden. Ihr dunkles Geheimnis macht sie zu Außenseitern – das sind fast alle Figuren der Trilogie. Jeder hat seine düsteren Geheimnisse und Angst davor, enttarnt zu werden. In „Fall“ assisiert eine 17-jährige Asiatin mit blonden, kurz geschorenen Haaren Eden und Frank. Auch sie ist schwer traumatisiert und eine geniale Ermittlerin.

Fazit: eine radikale, bedrohlich spannende Reihe, die leicht lesbar ist – sofern man ihre morbide Grundstimmung erträgt.