Nach der Sommerpause…

Sommerpause? Wie bitte? Eine richtige Pause war das sowieso nicht. Es gab nur für ein paar Wochen keine neuen Folgen des Podcasts LONG STORY SHORT und keine neuen Ausgaben der „egoFM Buchhaltung“. Gelesen und recherchiert habe ich allerdings noch mehr als sonst, und, wichtig: viele neue Ideen gesammelt für den Herbst.

Schließlich stehen tolle Veranstaltungen an – ich moderiere Lesungen und Talks mit Judith Hermann, Anthony Doerr, Douglas Stuart, Michael Thode, Jonathan Strout, Karen McManus, Alice Brauner und anderen. Im September moderiere ich zudem einen Abend zum 25. Jubiläum des Mailk-Verlages und im Literaturhaus Herne/Ruhr werde ich im Oktober meine Lieblingsbücher des Herbstes vorstellen. Vorausgesetzt, Corona macht uns nicht zum gefühlt hunderten Mal einen Strich durch die Rechnung.

Ganz aktuell ist eine neue Folge LONG STORY SHORT online auf allen Plattformen. Karla Paul und ich stellen darin unter anderem „Sein Name war Annabel“ von Kathleen Winter und „Das Adressbuch der Dora Maar“ von Brigitte Benkemoun vor (beide btb Verlag). Um unseren Podcast fit für die Zukunft zu machen und Eure Wünsche umzusetzen, haben wir gemeinsam mit Penguin Random House eine kurze Umfrage erstellt – wir freuen uns, wenn Ihr mitmacht! Einfach hier klicken.

Vor ein paar Tagen saß ich bei einer der international erfolgreichsten Bilderbuch-Illustratorinnen daheim auf dem Sofa:

Binette Schroeder erzählte mir wunderbare Anekdoten über ihre Arbeit und die Erfindung ihrer berühmtesten Figur „Lupinchen“ (Nord-Süd Verlag). Dazu gab es Tee und Zwetschgendatschi, serviert von Schroeders Mann Peter Nickl. Aus dem Gespräch bastle ich nun ein großes Interview für das Magazin MÜNCHNER FEUILLETON. Im September erscheint übrigens Binette Schroeders neues Buch „Herr Grau & Frieda Fröhlich“.

Im Interview: Harry-Potter-Illustrator Jim Kay

Vor vier Jahren startete Harry-Potter noch einmal von vorne: die erfolgreichste Buchreihe der Welt erscheint seitdem auch in farbig illustrierten Schmuckausgaben im Großformat – jedes Jahr ein neuer Bildband. Für den englischen Illustrator Jim Kay entwickelte sich dieser Auftrag zur größten Herausforderung seiner Karriere. Der 45-jährige studierte Illustration an der University of Westminster und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Vor kurzem ist der vierte von Kay illustrierte Band erschienen, „Harry Potter und der Feuerkelch“ (Carlsen). Hier Auszüge aus meinem Gespräch mit dem sympathischen Briten:

Welche Figur aus den Harry-Potter-Büchern zeichnen Sie am liebsten? Der Halbriese Hagrid ist mein absoluter Favorit. Ich liebe seine wilden Locken und seinen Rauschebart, und wie all das zusammenwächst. J.K. Rowling hat ihn als 3,51 Meter groß beschrieben, und diese Größe ist für einen Illustrator eine enorme Herausforderung.

Warum? Sie können sich doch so viel Platz nehmen, wie Sie wollen. Das schon, aber alles um Hagrid herum muss ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Auf einem Bild von mir räkelt sich ein enormer Hippogreif auf dem Bett in Hagrids Hütte, und ich fragte mich beim Zeichnen: Wie kann ich diese unglaublichen Ausmaße verdeutlichen? Die Lösung: Ich platzierte zwei ganz normale Hühner ins Bild – diese wirken nun allerdings wie geschrumpft, weil Hagrids Hütte und der Hippogreif gigantisch sind.

In den Verfilmungen wird Hagrid von Robbie Coltrane gespielt. Durften Sie sich beim Illustrieren von ihm und den anderen Schauspielern lösen? Zum Glück ja! Ich sollte und wollte für die Schmuckausgaben ganz eigene, neue Bilder von den Figuren machen. Was nicht leicht war, denn früher, beim Lesen der Bücher und später beim Anschauen der Filme hatte ich ja schon zwei Mal Vorstellungen von der Potterwelt entwickelt. J.K. Rowling hat durch ihre Beschreibungen viel vorgegeben, besonders bei Harry; das habe ich selbstverständlich übernommen. Aber bei einigen Figuren blieb ein kreativer Spielraum, und den habe ich voller Freude genutzt.

Um wen ging es, und wie sind Sie dabei vorgegangen? Der Zauberer Severus Snape basiert in meinen Illustrationen auf meinem guten Freund David. Ich fand, dass er optisch perfekt zur Figur Snapes passt, vor allem wegen seiner tieftraurigen Augen. Nun sehe ich immer David, wenn ich Snape sehe, und nicht mehr Alan Rickman, der ihn in den Verfilmungen spielte.

Ihre Hermine Granger unterscheidet sich ebenfalls. Die Darstellerin Emma Watson erkennt man kaum in Ihren Illustrationen. Stimmt. Bei Ihr habe ich mich nach meiner Nichte gerichtet. Noch lustiger wird es bei Familie Weasley: Molly, die Mutter, basiert auf einer Bekannten. Und zwei von Mollys sieben Kindern sehen so aus wie die beiden realen Kinder dieser Frau. Für mich hat das Illustrieren nach echten Vorbildern zwei entscheidende Vorteile: Ich habe ein reales Modell, und ich kann das Altern der Figuren in der Wirklichkeit beobachten. Das ist wichtig, denn die sieben Potter-Bände umfassen ja eine große Zeitspanne. Drei habe ich noch vor mir.

Womit und worauf zeichnen Sie Ihre Originale? Meistens mit einfachen Bleistiften auf großen Papierbögen. Die ersten Entwürfe sind fast alle schwarz-weiß, oft 20, 30 Stück, bevor ich mir sicher bin. Erst später verwende ich Farben, und dabei bevorzuge ich einfache Wand- und Fassadenfarben. Obwohl ich auch mit dem Pinsel arbeite, bin ich aber eigentlich der Skizzentyp, der pausenlos Ideen aufs Papier kritzelt und sie immer wieder verwirft und verbessert. Das geht oft stundenlang so, bis in die Nacht und manchmal auch bis zum Morgen. Ich bin sehr selbstkritisch und so gut wie nie mit den ersten Versuchen zufrieden.

Setzen Sie beim Illustrieren auch digitale Technik ein? Zur Sicherheit, ja. Viele Varianten meiner Bilder speichere ich ab, um zu vorherigen Stadien zurückkehren zu können, wenn ich am Originalbild so weitergearbeitet habe, dass es mir nicht mehr gefällt. Es beruhigt mich zu wissen, dass es alles noch einmal gibt. Selbstverständlich illustriere ich auch digital, aber das sind eher Ausnahmen. Manchmal erzielt man damit großartige Effekte: Den Hirsch namens Krone, Harrys verwandelten Vater, malte ich erst auf Papier, digitalisierte ihn anschließend und reproduzierte ihn als Negativ. Das ergab einen geisterhaften, unheimlichen Ausdruck. Genau so silbern und schimmernd, wie J.K. Rowling ihn beschreibt.

In welcher Verbindung stehen Sie zu J.K. Rowling? Wir schreiben uns ab und zu Briefe oder Mails, um Details zu klären, aber ansonsten kommuniziere ich mit ihrem Verlag. Es ist überwältigend, dass J.K. Rowling mich für diese Aufgabe ausgewählt hat. Ihr Briefkopf wird übrigens tatsächlich von einer goldenen Eule geschmückt.

 

Frische, freche, fröhliche Verse

„Heute sah ich ein fliegendes Pferd / Es ist – wirklich wahr!, nicht gelogen! – / an meinem Küchenfester vorbeigeflogen. / Ich blieb ganz still am Fenster stehen / und habe ihm lange nachgesehen.“

O wie schön! Und wie kreativ, lustig, schlau, schräg! Zum laut Lachen, leise Nachdenken und ständig Staunen: „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest“ (Mixtvision) ist ein wunderbarer neuer Gedichtband – für Kinder, angeblich. Doch ich meine: ebenso für Erwachsene. Zehn renommierte Autoren und Illustratoren haben gedichtet, getextet, gesponnen, gekritzelt und gezeichnet. Herausgekommen sind 60 herrliche Tiergedichte.

Über die tanzende Tarantel, Quasselasseln, das Gürteltier, das zu viel Bier trinkt, Zebraziegen, den Lachs, der `nen Knacks hat, Flohgiraffen und viele andere wuselige Wesen. Etwa die Stubenfliege auf der Gartenliege. Köstlich!

Entstanden ist das bunte, fantasievolle Buch in Zusammenarbeit mit der Internationalen Jugendbibliothek, dem Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Dahinter steckt das Projekt „Mehr Gewicht fürs Kindergedicht“ – mit einer Veranstaltungs- und Werkreihe wird seit 2016 die Vielfalt und fördernde Kraft von Kinderlyrik aufgezeigt. „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest“ bündelt nun die großartige Kreativität und mitreißende Energie aller beteiligten Künstler – sehr lesens- und lachenswert!

„in dem elefantenhause / steht ne riesenschüssel / tausend liter himbeerbrause / für die durstigen rüssel

und die elefanten saufen / immer in der pause / zwischen trampeln zwischen laufen / zu viel himbeerbrause

tränken menschen diese menge / würden sie glatt sterben / elefanten lieben das weil / sie sich rosa färben“

Kinderleseschlaraffenland

Wie schön, wie lustig: Gestern durfte ich mal wieder mit Kindern und für Kinder moderieren. Wie jedes Jahr zur Eröffnung der Münchner Bücherschau Junior. Ein wunderbares Lesefestival mit Kreativwerkstätten, Lesehütten, Illustrationsausstellunge, Schmökerinseln und jeder Menge Lesungen. 5.000 Medien von mehr als 100 Verlagen liegen, stehen und hängen in den Räumen im Münchner Stadtmuseum. „Neugierig auf die Welt“ lautet das Motto – und es ist toll zu sehen, wie neugierig sich Kinder und Jugendliche auf die Bücher stürzen. Es wird also noch gelesen. Sogar voller Begeisterung. Doch wir alle wissen: das Lesen ist trotzdem gefährdet. Umso wichtiger, dass es es Festivals wie dieses gibt, die Kinderleseschlaraffenländer erschaffen.Vielen Dank an die Organisatorinnen! Und an meine beiden Co-Moderatoren Emelie und Peer – ihr wart klasse!

Unterwegs mit den Superhelden

superBieder, langweilig, lehrreich: Bücher für so genannte Erstleser (6-7-Jährige) sind oft zum Gähnen. Weil sie vor allem pädagogisch wertvoll sein wollen. Das kann man aber auch anders: frecher, frischer, moderner. Wie in „Die Superhelden und der blaue Honk“, soeben im Tulipan Verlag erschienen. In dieser kurzen Geschichte erzählt Autorin Sylvia Heinlein ganz locker und sehr witzig von drei Jungs. Und drei Superhelden. Und einem Comicladen. Und dem blauen Honk. Und von einem spannenden Abenteuer. Und… ach, man muss dieses liebenswert-schräge Buch einfach mögen. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht jeder Oma pädagogisch wertvoll erscheint. Zu Heinleins wunderbar entspanntem Plauderton passen die knallbunten, lustigen Illustrationen von Sabine Wiemers. Ein Buch, das Spaß macht. In dem auch Erwachsenen noch etwas lernen können, etwa: „Wenn Superhelden nicht ständig etwas Spannendes zu tun haben, werden sie quengelig“ oder „Wenn man Pizza isst, kann man besonders gut nachdenken“. Gut, das wir das jetzt endlich wissen!

Traurig sein macht glücklich

UnknownDas kleine Mädchen ist traurig. So unendlich traurig, dass sich über ihr eine Regenwolke bildet, aus der es pausenlos schüttet. Das ist die Grundkonstellation von „Das Regenmädchen“ (Pattloch), einem wunderbaren neuen Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren. Johanna Lindemann wagt sich damit an ein wichtiges Thema, das in Kinderbüchern oft zu einfach und schnell aufgelöst wird: das Traurigsein. Lucie Göpfert, eine für ihre schrägen, fantasievollen Figuren bekannte Illustratorin aus Halle, zeigt die Hauptfigur mit tiefdunklen Haaren und dunklem Kleid. Doch ihre Bäckchen sind rosa, auf dem Kleid fliegen weiße Wolken umher – und man spürt, dass das Mädchen eine starke Persönlichkeit besitzt. Das Regenmädchen wird berühmt, und es fliegt nach Afrika. Über dem Flugzeug schwebt eine Regenwolke. Bei ihrer Ankunft wird die Traurige herzlich begrüßt, schließlich sorgt sie für Regen. Johanna Lindemann gelingt das Kunststück, mit der Traurigkeit eine positive Entwicklung zu verbinden. Insofern ist „Das Regenmädchen“ ein wertvolles Buch in einer Zeit, in der permanent vermittelt wird, dass jeder gut drauf sein soll. Lucie Göpferts unkonventionelle Illustrationen machen die Geschichte zu einem optischen Erlebnis: ihr bunter, liebevoller Blick auf die Welt des Regenmädchens ist einmalig.