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Buchbranche

Der historische Saal im Alten Rathaus Göttingen, vor ein paar Tagen. Ich sitze mit der türkischen Schriftstellerin und Journalistin Ece Temelkuran auf der Bühne. Wir diskutieren über Erdogan, Trump, inhaftierte Künstler, Populismus, die Einflussmöglichkeiten von Literatur und Temelkurans neuen Roman „Stumme Schwäne“ (Hoffmann und Campe). Eine Lesung, wie ich sie liebe: Aktuell, spannend, politisch, abwechslungsreich.

Im Publikum: überwiegend junge Leute, viele Studenten, höchstens zwanzig Prozent älter als 35 Jahre. Der beste Beweis, dass nicht nur Bildungsbürger 55 plus zu anspruchsvollen Lesungen kommen. Nicht dass ich etwas gegen ältere Zuschauer hätte (die außer bei Festivals tatsächlich oft die Mehrheit stellen) – aber es motiviert mich und alle Beteiligten, wenn sich auch literaturbegeisterter Nachwuchs zeigt. „Wow! Das war außergewöhnlich!“ meinte Ece Temelkuran, die sich bei ihren internationalen Auftritten manchmal wie auf einem Seniorentreff vorkommt. In der Türkei hat sie viele junge Fans, doch dort wird sie länger nicht mehr auftreten, aus Sicherheitsgründen. Die 43-jährige lebt inzwischen in Zagreb im Exil. Mein spannendes Interview mit Ece demnächst hier im Blog…

Ein dickes Dankeschön für diesen Abend an Anja Johannsen vom Literarischen Zentrum Göttingen und ihr Team!

münchner bücherschau junior, stadtmuseum, günter keilDa sind sie: „Die Gedichter“! Fünf junge Poetry-Slammerinnen, die mit mir die 11. Münchner Bücherschau Junior eröffneten. Ein Buchfestival, das Kinder und Jugendliche begeistert. Eines, das mich darauf hoffen lässt, dass Literatur nie ausstirbt. Dass das Lesen uns auch in Zukunft ein bisschen sozialer, gebildeter, bunter und offener macht.

Wie wichtig es ist, das frühe Lesen zu fördern, zeigt auch der US-Präsident: Donald Trump saß als Kind nur vor der Glotze, liest heute noch nicht, versteht die Welt nicht, hat keine Empathie, agiert durchweg unsozial. Die Münchner Bücherschau Junior (noch bis 19. März im Stadtmuseum) wirkt genau andersrum: sie entführt Kinder und Jugendliche in fantastische und alltägliche Welten, erklärt ihnen das Leben, spielt und bastelt mit ihnen, regt sie an, baut sie auf. Für mich ist es eine große Freude, als Moderator dabei zu sein. Vielen Dank an Birgit Franz und ihr Team in München und alle anderen, die ähnliche Festivals organisieren!

Mehr Infos zum Programm hier.

literatur, tutzing, tagung, blog, rezension, feuilleton, günter keil, sigrid löffler Wie steht es um den Einfluss der Literatur? Welche Macht haben wichtige Werke in Zeiten von Youtube, Facebook, Twitter & Co.? Verflacht die Literaturkritik? Um diese Fragen drehte sich eine spannende Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing, auf der ein Dutzend Publizisten, Schriftsteller, Verlagsleute und Wissenschaftler diskutierten. Ich war mit dabei – hier mein Feature über „Resonanzräume der Literatur im 21. Jahrhundert“:

Das gedruckte Wort ist nach wie vor gefährlich!“ Kritikerin Sigrid Löffler war sich ganz sicher: ein grundsätzlicher Bedeutungsverlust der Literatur sei nicht festzustellen. Man müsse nur in die Türkei schauen, nach Osteuropa, in viele weitere Länder der Welt, in denen sich Autokraten von Schriftstellern und ihren Werken bedroht fühlten. „Zudem ist die Literatur in Bewegung wie selten zuvor. Durch Migranten ist eine neue Weltliteratur entstanden, eine neue, nicht-westliche Erzählform.“ Diese Entwicklung, so Löffler, gebe ihr Hoffnung.

Dass die Literatur im Sturm von Konzentration, Digitalisierung und Globalisierung ihre Macht verloren hat, steht für den Kölner Journalisten Oliver Jungen fest: „Ihre soziale und politische Relevanz hat in Deutschland definitiv nachgelassen.“ In den Feuilletons gebe es immer weniger tiefschürfende Rezensionen, eine klare Tendenz zur unterhaltenden Berichterstattung. „Auch bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises nimmt die Unterhaltung an Bedeutung zu. Die Werke der meisten Preisträger geben doch höchstens ein bisschen Geschichtsnachhilfe und sie bewegen unterhaltsam, statt zu wirken!“

Kein Grund zur Panik – Literatur lebt! Diese These vertrat Stephan Poromka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin. „Als sich im 15. Jahrhundert der Buchdruck ausbreitete, gab es auch jede Menge Warner – sie fürchteten sich davor, dass jeder veröffentlichen könne, was er wolle. Heute gibt es ähnliche Vorbehalte gegen Social Media, dabei sehe ich gerade dort eine neue Lebendigkeit im Umgang mit Literatur.“ Viele kleine literarische Öffentlichkeiten entstünden und neue Narrative würden erfunden. „Ich plädiere dafür, nicht ständig nach Symptomen für eine negative Entwicklung zu suchen, sondern aufmerksam neue Effekte wahrzunehmen“, so Poromka. 

Zigtausend Kundenrezensionen auf Amazon, hunderte Literaturblogs, digitale Lesekreise. Literaturkritik findet schon lange nicht mehr nur in den Feuilletons der Printmedien statt. „Man kann aber nicht ernsthaft Literatur kritisieren, wenn man nicht die entsprechende Leseerfahrung hat! Kritik lebt vom Vergleich!“ warnte Sigrid Löffler. Auch der Schriftsteller Ulrich Peltzer zeigte sich angesichts der neuen Rezeptionsstrukturen skeptisch: „Vieles, was da rezensiert wird, hat doch gar nichts mit Literatur zu tun. Im Übrigen handelt es sich hier um Kundenbewertungen wie für Staubsauger, nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung.“ Eine Einschätzung, die Alexander Nebrig vom Institut für deutsche Literatur an der Berliner Humboldt Universität nicht teilt. Er differenziert: „Wir stellen eine deutliche Professionalisierung der Laienkritik fest, zudem entstehen kleine höherwertige Kritikernetzwerke. Ähnlich wie bei Wikipedia verändert sich das Angebot, und genauso wird sich die Beurteilung ändern.“

Es gibt sie also weiterhin, die Resonanzräume. Zwar sehen sie anders aus als früher, und sie klingen anders. „Die geistige Selbstverständigung über den Zustand der Welt funktioniert nur über das gedruckte Wort“ meinte Sigrid Löffler. Kein Widerspruch bei den Teilnehmern der Tagung. Denn gedruckt wird das Wort ja auch digital. Oder? Was meint Ihr? 

paul mcveigh, lesung, literaturblog, günter keilStille. Absolute Stille. 200 Zuschauer hören gebannt Paul McVeigh zu. Ich sitze neben dem nordirischen Schriftsteller auf der Bühne in Olpe und bin einfach nur dankbar. Für diesen Job. Für dieses Publikum. Für diese Literatur, die live noch lebendiger, greifbarer wird. McVeigh beantwortet meine Fragen nach seiner Kindheit inmitten des Bürgerkriegs in Belfast. Der 48-jährige spricht über die Angst, die er und seine sieben Geschwister hatten, über den Humor, den sie als Schutzschild und Waffe benutzten, über Bomben und Schüsse, die Armut seiner Familie, das Zusammenleben von einem Dutzend Menschen in zwei Zimmern. All dies floss in Pauls Roman „Guter Junge“ ein – ein Buch, mit dem der Ire einer Generation eine Stimme geben will, die unter Alpträumen und Schlaflosigkeit gelitten hat.

Natürlich sprechen wir auch über Whiskey, Irish Dance, Kilts. Und über alles, was das Leben ausmacht. Über Liebe und Leidenschaft, Krankheit und Tod. Ist das nicht wunderbar? Literatur führt Menschen zusammen, bewegt, immer wieder. Besonders dann, wenn Autoren auf Leser treffen. Dass ich diese Abende mit meiner Moderation mitgestalten kann, freut mich jedes Mal aufs Neue.

In den vergangenen zwei Monaten war ich wieder in ganz Deutschland unterwegs – mit Simon Beckett, Arne Dahl, Petros Markaris & Esmahan Aykol, Garry Disher und vielen anderen Künstlern. Und immer gab es einen oder mehrere magische Momente. Vielen Dank an alle, die das möglich machen: Autoren wie Paul McVeigh und ihre Verlage, Veranstalter wie Georg Spielmann von der Dreimann Buchhandlung, Menschen, die sich auf das Live-Abenteuer Lesung einlassen.

buchmesse frankfurt, literaturblog, günter keil Hallo Frankfurt! Hallo Buchwelt!

Okay. Es geht los. Hab´ ich auch alles dabei? Aspirin, Aufnahmegerät, Powerriegel, Visitenkarten, Halsbonbons, Smartphone… Hab´ ich alle Termine? Weiß ich, auf welchen Bühnen, in welchen Hallen, zu welchen Themen ich moderieren werde? Wann ich wo Autoren und Kollegen treffe und interviewe? Ja. Glaub´ schon.

Na dann. Rein in den größten Literaturzirkus der Welt! Ich freue mich auf den niederländischen Literaten Adriaan van Dis genauso wie auf DJ Bobo, auf Thrillerstar Jo Nesbö und die Kluftinger-Erfinder Klüpfel & Kobr, auf die österreichische Autorin Judith W. Taschler genauso wie auf den Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos. Mit allen werde ich auf der Bühne stehen – irgendwo, irgendwann in den nächsten Tagen. Ach ja, und dann moderiere ich noch eine Diskussion über den Erfolg deutscher Krimis in Großbritannien fürs Goethe Institut. Auf der arte-Bühne. Am Samstag. Um 14.00 Uhr.

Und sonst? Mal sehen. Es wird sicher wieder genial. Und anregend. Und anstrengend. Und alles. Wir sehen uns.

sprache oder inhalt, jury, literaturblog, günter keilMünchen, vor zwei Tagen. Bei einer Jurysitzung für den Tukan-Preis entwickelte sich eine Grundsatzdiskussion. Welche Faktoren führen dazu, dass wir Juroren einen Roman positiv oder negativ bewerten? Ist es der Autor, die Sprache, der Plot oder das Kernthema? Oder alles zusammen? Oder etwas Vages, ein Lesegefühl, eine Stimmung? Anlass war der Kommentar einer Kollegin zu einer Neuerscheinung, man habe all das schon einmal gelesen, der Inhalt sei nicht neu. „Aber die Sprache ist doch das Wesentliche!“ gab eine andere Kollegin zu bedenken – und schon waren wir mitten im Austausch.

Für mich gibt es nur wenige Grundsätze bei der Bewertung eines Romans: Zwar interessieren mich bestimmte Themen mehr oder weniger, und den Stil bestimmter Autoren mag ich mehr oder weniger. Trotzdem kann mich – unabhängig davon – jedes neue Buch begeistern oder enttäuschen. Bei der Lektüre der ersten Zeilen beginnt alles von vorn. Bei Null. Je mehr ich dann lese, umso mehr beeinflusst mich die Sprache oder zumindest die Atmosphäre, die sie erzeugt. Großartige Prosa kann mich für nahezu jeden Inhalt einnehmen (wenngleich sie mehr bieten sollte als nur schönen Schein). Umgekehrt funktioniert das bei mir nicht – der kreativst konstruierte Plot oder das wichtigste Thema berühren mich nicht, wenn die Sprache nicht stimmt. Und wann „stimmt“ die Sprache? Gute Frage. Keine leichte Antwort. Denn dieses Urteil ist fast immer subjektiv und individuell. Was man allein schon daran merkt, dass es zu nahezu jedem „wichtigen“ aktuellen Roman sehr widersprüchliche Kritiken gibt.

goeLiteratur, überall. Als Flatrate. Digital. Noch nie hatten so viele Menschen so direkten Zugang zu Lesestoff, oft kostenlos. Ein großer Teil der Klassiker der Weltliteratur steht im Netz bereit, zum Kauf, zum Klau, zum Konsum.

Moment. Konsum? Nicht unbedingt. Der Sozioloe Hartmut Rosa beobachtet, dass zwar immer mehr Kulturgüter digital angehäuft werden, und es immer wichtiger wird, Zugang zu großen kulturellen Datenbanken zu haben. Doch heutzutage werde immer weniger Literatur komplett gelesen, immer weniger Musik am Stück gehört. Mal reinklicken und -gucken, ja. Und vor allem: die Gewissheit genießen, alles zur Verfügung zu haben. Aber genau dafür, so Rosa, haben oder nehmen sich die wenigsten Menschen Zeit. Stattdessen: „Reichweitenvergrößerung“.

Wie ich auf Rosas Thesen komme? Vor ein paar Tagen moderierte ich eine Podiumsdiskussion mit dem Soziologie-Professor beim internationalen Kultursymposium des Goethe Institus in Weimar. „Teilen und Tauschen“ war das Motto der Veranstaltungsreihe – und tatsächlich, da waren sich alle Experten einig, wird im Netz so viel geteilt & getauscht wie nie zuvor. Die Kultur des Gemeinsamen erlebt also einen Aufschwung, doch damit verbunden sind jede Menge Risiken: Datenklau, Beliebigkeit, ein Ende der Privatsphäre. Und Kauf (oder Geschenk) statt Konsum. Verrückte Welt, oder? Mehr unter #KSWE16