Doch, wir lesen noch!

Leona Efuna ist 17 Jahre alt, kommt aus Stuttgart und geht in die zwölfte Klasse. Im vergangenen Jahr hat sie ihren Roman „eXtRaVaGant – Mond oder Sonne“ (360 GRAD VERLAG) veröffentlicht. Eine tempo- und abwechslungsreiche Geschichte um eine Gruppe von Teenagern, um Freundschaften und Bands, Bulimie und Liebe. All diese Komponenten hat Leona in einen turbulenten Plot gepackt – dazu Songtexte und Briefe ihrer Figuren.

Im Rahmen meines VG WORT Stipendiums habe ich Leona gefragt: Warum war es dir wichtig, dass dein Debüt als „echtes“ Buch erscheint? Und wie hältst du es mit dem analogen Lesen – findet das in deiner Generation überhaupt noch statt?

„Tatsächlich bin ich mir nicht so sicher darüber, ob die „Internetgeneration“ in meiner Kindheit, in der sich meine Buchobsession manifestiert hat, schon einen „bücherfeindlichen“ Einfluss auf mich hatte. Beziehungsweise glaube ich nicht, dass wir aus der Gen-Z eine großartig andere (und bücherlosere) Kindheit hatten als beispielsweise die Millenials. Ich war jedenfalls sehr auf analoge Bücher, die analoge Welt fixiert. Meine Eltern erzählen mir immer davon, dass ich schon als Baby Zeitung essen wollte und das super interessant fand.

Für mich sind heute Bücher vor allem die Kombination aus Textkunst und anderen Kunstformen, wie zum Beispiel Coverkunst und die generelle Gestaltung des Buches. Dem liegen ja immer kreative Entscheidungen zugrunde. Es ist ja schon ein Unterschied, welches Material man wählt, ob das Buch ein Lesebändchen hat, wie dick das Papier ist, ob das Buch ein Hardcover besitzt, oder eine Klappenbroschur, oder ob es ein Taschenbuch ist. 

Natürlich kann man auch Ebooks lesen oder Hörbücher hören, aber richtige Bücher, die auch nach Buch riechen und echte Seiten haben, die man umblättern kann, haben einen viel höheren emotionalen Wert. Finde ich zumindest. Bücher, also echte Bücher, sprechen mehr Sinne an, man kann ihre Haptik spüren, sie anschauen und das Papier beim Umblättern knacken hören. 

Außerdem ist es vielleicht gerade für die Kinder und jungen Erwachsenen meiner Generation wichtig, zu lesen. Wir werden jeden Tag mit so einer Wucht an Information im Internet zugehäuft, dass ich, und vielleicht auch viele andere in meinem Alter, regelmäßig von einem Gefühl der Reizüberflutung heimgesucht werde. Ich habe den Eindruck, Bücher machen sowas nicht mit einem. Natürlich können sie hochkomplex, einnehmend und dicht geschrieben sein, aber sie sind trotzdem nicht so beunruhigend und giftig für die Seele junger Menschen, wie es beispielsweise Soziale Medien sein können.“

Warum das Lesen in Gefahr ist – und Leseförderung so wichtig

„Lesen ist wie Fahrrad fahren: Man kann es erst genießen, wenn man nicht mehr über die Technik nachdenken muss. Im Zeitalter der digitalen Revolution brauchen wir die Revolution des Lesens mehr denn je. Kinder brauchen Bücher. Für ihre und für unsere Zukunft. Sorgen wir dafür.“

(Birgit Franz)

Im Rahmen meines VG WORT Stipendiums habe ich mit der Münchner Kommunikations- und Buchwissenschaftlerin Birgit Franz (Fotocredit: Marion Hogl) gesprochen. Sie betreut mit ihrer Agentur Marketing & Texte verschiedenste Projekte in der Buchbranche und engagiert sich seit zwei Jahrzehnten in der Leseförderung, weil für sie Sprache und Lesen die Basis für alles sind: den Erfolg des persönlichen Lebens und unserer Gesellschaft. Franz mahnt, dass das Lesen für heutige Heranwachsende seine Selbstverständlichkeit zu verlieren droht. Was fatal wäre, denn „Lesen ist kein genetisch verankertes Programm, sondern eine erlernte Kulturtechnik.“, sagt Franz.

Sie bezieht sich unter anderem auf die Leseforscherin Maryanne Wolf, die den fundamentalen Unterschied zwischen digitalem und vertieftem Lesen untersucht hat. Letzteres, so Wolf, fördere die Empathie und die Fähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen, »eine unabdingbare Voraussetzung in einer Welt, in der immer mehr Kulturen, immer häufger aufeinandertreffen.« Vertieftes Lesen helfe zudem dabei,

Neues mit vorhandenem Wissen abzugleichen, kritisch zu analysieren und Rückschlüsse zu ziehen – ein Schutz vor leichter Beeinflussbarkeit und Fake News.

Doch nach der IGLU-Studie, die das Leseverhalten von Zehnjährigen prüft, kann fast ein Fünftel der deutschen Schüler*innen nicht gut genug lesen, um bestimmte Texte auch zu verstehen. „Umso mehr wundert es, dass das Quartett aus Eltern, Schulen, Bibliotheken und Buchbranche mit diesem Thema weitgehend sich selbst überlassen bleibt. Das Engagement der Wirtschaft, die über Azubis klagt, die nicht ordentlich lesen und schreiben können, ist, gelinde gesagt, zurückhaltend. Denn Lesen taugt wenig als PR. Lesen ist eine individuelle Sache und längst nicht so medienwirksam wie Sport, Kunst, Theater oder Tanz. Und nachhaltige Initiativen der Politik fehlen noch immer.“, kritisiert Birgit Franz. In die Bresche sprängen zwar unzählige Leseförderer, kreativ und engagiert, aber ehrenamtlich und fast immer begrenzt durch fehlende finanzielle Mittel. Das muss sich dringend ändern, finde auch ich!

Mein persönlicher Rückblick auf 2021

Wie war es denn, dieses 2021? Gut, schlecht oder einfach nur anders?

Es war – einerseits – ein erfüllendes und erfolgreiches Jahr, in dem ich mit einigen meiner Lieblingsautor*innen auf der Bühne oder im virtuellen Raum stand (Friedrich Ani, Judith Hermann, Jonathan Doerr, T.C. Boyle, Val McDermid, Harald Lesch, Timur Vermes, Douglas Stuart…). Ich moderierte spannende Veranstaltungen mit Reinhold Messner und Peter Wohlleben, mit Ken Follett sowie den Jugendbuchautor*innen Karen M. McManus und Jonathan Stroud. Es gab wunderbare Festivals wie den CRIME DAY und die LIT.LOVE, bei denen ich mit Charlotte Link, Alex Beer, Maria Nikolai und Lucy Astner diskutierte. Zudem trat ich dort live mit Karla Paul in der Show-Version unseres Podcasts LONG STORY SHORT auf (und es gab jede Menge neuer Folgen online). Außerdem gestaltete und moderierte ich alle zwei Wochen meine Literatursendung „Die egoFM Buchhaltung“ – immer eine große Freude. Ein VG WORT Stipendium bekam ich auch noch, und ich durfte viele großartige Romane rezensieren. Was will ich mehr?

Nun… Andererseits kam 2021 noch etwas anderes, völlig Überraschendes, im wahrsten Sinne Schmerzhaftes, hinzu. Ende Oktober stürzte ich beim Moderieren von einer viel zu kleinen Bühne in Frankfurt und brach mir alles, was man sich im Unterarm brechen kann. Elle, Speiche, Membran, Teile des Handgelenks und Ellenbogens. 13 Tage Unfallklinik, vier OPs, viele dunkle Stunden, mein rechter Arm für zwei Monate fast völlig lahmgelegt. Noch immer kann ich ihn nur eingeschränkt bewegen, bis weit ins Frühjahr werde ich Physiotherapie brauchen, viele Aufträge musste ich absagen. Und dennoch: Ich hatte Glück im Unglück, tolle Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern und Physiotherapeutinnen. Es macht mich dankbar und demütig, mal aus der Perspektive eines Patienten auf die Welt zu schauen. So wird mir noch klarer, was ich in Zukunft will (außer einen geheilten Arm).

Ich wünsche Euch jedenfalls ein gesundes 2022!

Wir sehen und hören uns: Am 22. Januar startet die „egoFM Buchhaltung“, Anfang Februar LONG STORY SHORT. Und jede Menge Moderationen warten auf mich: Mit Arne Dahl, Ingrid Noll… Mehr ab Mitte Januar auf Instagram und Facebook, wenn ich aus meiner Social Media Winterpause zurück bin.

Endlich wieder Festival- und Messeatmosphäre!

Endlich mal wieder in einem Raum mit realen, tatsächlich anwesenden Autor*innen und Kolleg*innen! Endlich mal wieder ein kleines bisschen Festival- und Messeatmosphäre! Ja, es tat so gut…

Am vergangenen Wochenende moderierte ich beim digitalen CRIME DAY in Hamburg Gespräche mit Charlotte Link,  Alex Beer und Bernhard Aichner, und die LONG STORY SHORT Show mit Karla Paul. Unter strengen Hygienevorschriften, versteht sich: Wir alle mussten uns täglich testen lassen, Abstand halten und (bis auf der Bühne) Maske tragen.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Dadurch, dass wir uns tatsächlich in die Augen sehen sowie Mimik und Gestik wie vor Corona wahrnehmen konnten, entstand eine viel authentischere Stimmung. Und Spannung, nicht nur wegen der CRIME DAY Inhalte. Eine wunderbare Abwechslung zu den Stream-Moderationen vor Laptop oder Smartphone, die ab jetzt wieder mein Alltag sind. Gestern z.B. moderierte ich eine Lesung mit der Autorin und Psychotherapeutin Heike Duken (Roman „Denn Familie sind wir trotzdem“ – das Video findet Ihr auf Youtube und litlounge.tv).

Ich blicke also sehr gerne zurück auf die anregenden Moderationen in Hamburg. Und ich blicke nach vorne: Spätestens im Sommer wird es wieder Lesungen mit Publikum geben. Schon jetzt sollten mehr Pilotprojekte wie in Tübingen oder Berlin starten, in denen Kultur und Gastronomie mit Schnelltests und Hygienemaßnahmen öffnen. Denn aus diesen Studien lassen sich wertvolle Informationen gewinnen, ob und wie sichere Freizeitaktivitäten möglich sind.

Warum ich keine Bücher verreiße

Ich habe keine Lust auf Verrisse. Auf die akribische Suche nach Schwächen und Fehlern, auf eitle Belehrungen und verletzende Schmähungen.

Wozu sollte das auch gut sein? Wem hilft es, wenn Literaturkritiker*innen den Platz, der ihnen in Medien zur Verfügung steht, für Bücher nutzen, von denen sie abraten? Klar: Wenn selbstgefällige Rezensenten ein vernichtendes Urteil fällen, gibt es Schlagzeilen, Klicks und mediales Echo. Aber: Wäre es nicht viel besser, konstruktive Kritik zu üben? Begründete Empfehlungen zu geben? Zum Kauf guter Bücher anzuregen statt vom Erwerb schlechter Literatur abzuraten?

Literaturkritik ist ein komplexes, widersprüchliches Thema. Sie schwebt irgendwo zwischen Journalismus und Literaturwissenschaft, zwischen Lesebegeisterung und Prüfmechanismen. Rezensionen sind so vielfältig wie ihre Verfasser*innen, und die Bandbreite von Literaturkritik ist enorm – sie wird seit Jahren immer größer. Ihr Spektrum reicht von digitalen Buchplattform-Kommentaren, Leserkreis-Tipps und Regionalzeitungs-Buchbesprechungen, über Blogs und Vlogs, bis zur literaturgeschichtlich eingeordneten Feuilletonkritik in Qualitätsmedien.

Diese Vielfalt ist wichtig. Und es lohnt sich, den riesigen Raum zwischen Lob und Tadel, Demütigung und Glorifizierung, Empfehlung und Analyse zu untersuchen. Was passiert dort? Warum begeistern sich die einen für Bücher, während die anderen Werke schmähen? Und was macht mehr Sinn?

Beginnen wir damit, was für mich „gute“ Literatur ist. Bei meinen Rezensionen lege ich ganz bewusst den Bewertungsfokus auf den unmittelbaren Effekt von Romanen. Denn sie sollten Reaktionen auslösen: Freude, Empathie, Spaß, Überraschung, Bestätigung, Trauer, Wut, Fassungslosigkeit. Bloß nicht: Gleichgültigkeit und Langweile. In der Folge passiert dies: Gute Bücher wecken Interesse und schaffen Verständnis für die Situation anderer Menschen. Sie irritieren, verstören, kurz: sie berühren die Seele. Sie unterhalten nicht nur, sondern regen indirekt an, über sich und die Welt nachzudenken. Wenn wir beim Lesen etwas über andere Lebenswelten (oder uns selbst) lernen, verstehen wir diese (und uns) besser.

Gleichzeitig dürfen und sollen uns Geschichten aus dem Alltag entführen, geradezu wegbeamen, und wenn sie das können, wenn sie uns vergessen und abschalten lassen, wenn sie zur Erholung und Erfüllung beitragen, dann sind sie gute Geschichten. Davon bin ich überzeugt.

Moment mal! Ruft an dieser Stelle die traditionelle Literaturkritik. Das ist doch eine völlig unqualifizierte, subjektive Wohlfühlperspektive. Wo bleiben die üblichen Kriterien? Die Qualitätsmaßstäbe betreffend Sprache, Aufbau, Originalität und Relevanz?

Keine Sorge. Sie gelten nach wie vor. Und sie sollten auch Teil (m)einer Rezension sein. Aber sie sollten unterschiedliche Zielgruppen berücksichtigen und nicht von oben herab gepredigt werden. Vor allem sollten sie nicht davon ablenken, dass auch eine scheinbar objektive Beweisführung eines Experten subjektiv ist – anerkannte Literaturkritiker widersprechen sich häufig. Dieser Diskurs ist erfrischend, doch die alleinige, einseitige Vernichtung eines Werkes ohne Widerspruch, das Contra ohne Pro, ist – ja, kontraproduktiv. Eine Seite Verriss – wozu? Um sich an der eigenen Überlegenheit zu erfreuen? Um sich über ein Buch echauffiert zu haben, während dutzende empfehlenswerte Bücher keine Erwähnung finden? Das schadet der Literatur.

Nicht zu vergessen: Auch ein herausragender literarischer Text kann zum Gähnen langweilig sein, wohingegen eine scheinbar simple Geschichte bewegen und begeistern kann.

Ja, wir brauchen professionelle Literaturkritik. Um Bücher einordnen und einschätzen zu können. Um für unsere Leseentscheidung mehr zur Verfügung zu haben als Klappen- und PR-Texte oder Online-Kommentare. Kritik dient immer als Orientierung, und es hat auch durchaus seinen Reiz, wenn Denis Scheck in „Druckfrisch“ schonungslos über die Titel der Bestsellerliste urteilt. Er darf das. Denn im Rest seiner Sendung lobt und feiert er die Literatur so schwärmerisch wie kaum ein anderer renommierter Kritiker.

Selbstverständlich nähere ich mich den zu begutachtenden Werken kritisch. Doch die Stärken hervorzuheben und die Schwächen zu erwähnen, erscheint mir sinnvoller als den Finger in die Wunde zu legen. Falls mir ein Roman überhaupt nicht zusagt, schreibe ich einfach nicht darüber. Denn die Zeilen, die ich für eine Abrechnung verbrauchen würde, fehlten für Literatur, die ich ans Herz legen möchte. Und davon gibt es mehr als genug.

Besondere Buch-Begegnungen

Was für ein Glück! In den vergangenen Wochen hatte ich jede Menge interessanter Moderationen und Interviews. Einer der Höhepunkte: Mein Gespräch mit Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff. Im Café des Literaturhauses Berlin (Foto) nahm er sich viel Zeit für mich und sprach über seinen Schlaganfall, den er in seinem neuen Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ verarbeitet hat. Nachzulesen ist das Interview als großer Kultur-Aufmacher in der aktuellen Ausgabe des Playboy. Nachzuhören sind Ausschnitte unseres Treffens in meiner Literatursendung auf egoFM vom 26.9. – einfach hier klicken.

Zum Livestream in der Lesungsreihe #readntalk traf ich Amelie Fried (Foto unten) und Stefanie Stahl im TV-Studio der Verlagsgruppe Penguin Random House in München. Wir diskutierten über „Die Spur des Schweigens“ und „Jeder ist beziehungsfähig“, und zahlreiche Buchhandlungen in ganz Deutschland waren mit ihren Kunden live mit dabei. Auch auf youtube und Litlounge.tv. Am 21. Oktober moderiere ich in dieser Reihe die Autorin Lena Kiefer, am 11. November Alex Beer.Nächste Woche wartet eine ganz besondere Aufgabe auf mich: Im Literaturhaus München präsentiere ich einen Abend mit der Weltklasse-Tennisspielerin Andrea Petkovich. Sie hat soeben einen Erzählband bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht: „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“. Und beim Hugendubel-Onlinefestival „Bookstock“ moderiere ich am 23. Oktober einen Abend mit dem britischen Autor Ben Aaronovitch (Peter-Grant-Reihe bei dtv) – auf all diese besonderen Begegnungen freue ich mich schon!

Ach ja, fast vergessen: Für das Literaturhaus Herne/Ruhr habe ich ein kleines Video mit zwei Buchtipps aufgezeichnet. Mehr hier. 

Was tun, ohne Lesungen und Festivals?

Neun Wochen. So lange müssen wir Buchmenschen nun schon verzichten. Auf Lesungen, Literaturfestivals, Diskussionsrunden, Messen. Klar, all das gibt es auch online, auf den Seiten von Verlagen, Kulturinstitutionen, Facebook und Instagram, mehr denn je. So erfreulich diese Aktivitäten auch sind: Echte Begegnungen ersetzen sie nicht. Das gleiche gilt für Konzerte, Theaterstücke, Tanzaufführungen und Opern.

Als Moderator von Live-Veranstaltungen leide ich doppelt: Mir fehlen die inspirierenden und motivierenden Treffen mit Autor*innen, Besucher*innen und Organisator*innen. Und mir fehlen die Honorare. So geht es tausenden Freiberuflern, und die Aussichten bleiben düster. Dennoch sind z.B. Soforthilfe und Künstlerhilfe in Bayern nicht kombinierbar – man darf also nur entweder nicht bezahlbare Betriebskosten haben oder nicht bezahlbare Lebenshaltungskosten. Beides ist nicht vorgesehen, sprich: völlig lebensfremd. Und: Staatliche Hilfen für Freiberufler sind auf drei Monate begrenzt – die Behörden tun so als ob ab Juni das Kulturleben wieder auf Normalniveau hochgefahren würde.

Die Realität sieht anders aus. Mir wurden schon Aufträge für Spätherbst gecancelt: Europas größtes Krimifestival Mord am Hellweg findet genauso wenig statt wie das Krimifest Tirol – auf beiden hätte ich Veranstaltungen mit internationalen Autoren moderiert. Zahlreiche zugesagte Auftritte für meine Literaturshow mit Karla Paul wurden ebenfalls gestrichen – mit viel Glück finden sie noch irgendwann dieses Jahr statt. Niemand weiß es. Und die Frankfurter Buchmesse? Auf deren Homepage heißt es heute optimistisch: „Noch 146 Tage“ Aber niemand glaubt daran, dass die Messe halbwegs normal stattfinden wird. Nächste Woche soll es dazu eine klare Aussage geben.

Zum Glück produziert die Verlagsgruppe Random House weiterhin unseren Podcast LONG STORY SHORT (neue Folgen hier). Und zum Glück bin ich Journalist. Ich recherchiere und schreibe also momentan mehr als dass ich moderiere. Leider wird das Schreiben unfassbar schlecht bezahlt, auch von sogenannten Qualitätsmedien. Aber ich lasse mir die Laune nicht vermiesen. Vor kurzem habe ich den niederländischen Historiker Rutger Bregman und den italienischen Autor Marco Balzano interviewt – beide schätze ich sehr.

Am 30. Mai moderiere ich auch wieder. Die Buchpremiere mit Leonie Swann (Weltbestseller „Glennkill“, neuer Roman „Mord in Sunset Hall“) in München wurde zwar abgesagt, aber wir beide unterhalten uns trotzdem. Über Instagram. Und ich bereite ein spannendes neues Literaturprojekt im Radio vor… Details folgen… Bleibt gesund!

Was hat Thomas Mann mit Corona und dem Playboy zu tun?

Seltsame Frage, oder? Wobei: Ist zurzeit nicht alles seltsam? Also, ich antworte mit einer kleinen Geschichte:

Jeden Monat stelle ich auf der Literaturseite im Playboy drei Neuerscheinungen und einen Literaturklassiker vor – in einer der nächsten Ausgaben Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Das Problem: Der S. Fischer Verlag, bei dem Mann erscheint, konnte wegen Corona-Verspätungen das Buch nicht an die Redaktion liefern – dort macht die Redakteurin Corinna Beckmann monatlich ein Foto der vier Bücher. Die Zeit drängte, der Redaktionsschluss nahte. Was tun? Meinen privaten Krull nehmen? Nein. Der sieht so zerlesen aus, den will niemand sehen.

Zum Glück lebe ich in München und radle gerne durch die Stadt.

Station Nr. 1: Die Buchhandlung Lehmkuhl in Schwabing, die mir auf gerade noch legalem Weg eine neue Krull-Ausgabe besorgen konnte (Vielen Dank, ihr seid wunderbar!). Station Nr. 2: Der Englische Garten, der mehr oder weniger auf dem Weg zur Playboy-Redaktion liegt und in dem ich ein bisschen verweilte (was inzwischen doch wieder erlaubt ist, sogar in Bayern). Station Nr. 3: Der Kaiser-Ludwig-Platz 5 nahe der Theresienwiese, Standort der Redaktion, in der eine erfreute Notbesetzung mein Buch entgegennahm.

Fazit: Literatur hält fit. Und Buchhandlungen sind wichtiger als Baumärkte. Sollten bei den hoffentlich bald möglichen Lockerungen der Corona-Beschränkungen die Heimwerker-Center öffnen, während die Buchhändler nur online aktiv sein dürfen (wie es in einigen Bundesländern schon jetzt der Fall ist), werde ich sauer. Denn mit Gesundheitsschutz hat diese Ungleichbehandlung nichts zu tun.

Ausverkauft!

„Ich möchte am liebsten gleich alle Bücher kaufen, die Ihr vorgestellt habt!“ – „Die Zeit ist wie im Flug vergangen!“ – „Dieser Abend hat total Lust aufs Lesen gemacht!“ – „Ihr müsst damit unbedingt ins Fernsehen!“ (Feedback direkt nach der Literaturshow von Karla Paul und mir in Köln)

Rappelvoll war sie, die Bibliothek des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln. Seit Tagen schon gab es für unseren Abend im Rahmen der Crime Cologne keine Tickets mehr – sold out! Bei der Premiere des Spannungs-Specials stellten wir im exklusiven Bücher-Battle 18 neue Krimis & Thriller vor, diskutierten über die Masse von Neuerscheinungen, analysierten die Faszination für fiktive Verbrechen und erzählten Anekdoten von unseren Begegnungen mit Starautoren.

Als prominente Gäste kamen Melanie Raabe und Linus Geschke auf die Bühne – Melanie erzählte u.a. von der Zeit, als jedes ihrer Manuskripte abgelehnt wurde und Linus berichtete von seinen Tauchabenteuern. Unser Publikum lauschte konzentriert, stimmte für seine Favoriten unter den vorgestellten Büchern und war bei bester Laune.

Nach 100 Minuten sagten Karla und ich dankbar und glücklich: VIELEN DANK!!!!! Für die Begeisterung und das Interesse, unsere Show zu einem Erfolg zu machen. Nächstes Jahr wird es weitere Termine geben – und bei der Crime Cologne 2019 sind wir wieder mit dabei. Bis dann! 

 

Vielen Dank, Hamburg!

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Gestern Abend, Hamburg, Saal der KLU in der Hafen City:

Unser Publikum klatscht, lacht und lauscht die Premiere der Literaturshow „Die Seitenspringer“ zu einem Riesenerfolg. Karla Paul und ich, die Gastgeber dieses besonderen Abends, sind erleichtert: Unser Konzept geht auf, das Experiment ist geglückt – großen Anteil daran haben auch die Autoren Anne Siegel und Till Raether, die sich auf unsere Fragen, Literaturyoga und Ratespiele rund ums Buch eingelassen und die Zuschauer begeistert haben. Es war einfach großartig! Vielen Dank ans Harbourfront Literaturfestival!

Im Mittelpunkt der bunten Veranstaltung standen natürlich neue Bücher. Karla und ich stellten je neun Titel vor, die wir im „Seitenspringer-Bücher-Battle“ gegeneinander antreten ließen. Meine Favoriten waren u.a. von Dennis Lehane, Alex Capus, Christian v. Ditfurth, Julia von Lucadou, Tom Rachman und Simone Buchholz. Unser Publikum stimmte ab – und war sich sicher: So eine interaktive Literaturshow gab es noch nie. Aber sie wird es wieder geben: Am 2. Oktober in Köln bei der Crime Cologne. Und nächstes Jahr sicher auch in anderen Städten…