Zwei Mädchen unter dem Vulkan

Das spanische Granta Magazin kürte Andrea Abreu im vergangenen Jahr zu einer der besten jungen spanischsprachigen Romanautorinnen. Grund dafür dürfte das Debüt der 26 jährigen sein. Es erschien 2019, wurde mittlerweile in 19 Ländern veröffentlicht und hat es auf Deutsch sogar in die TOP 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. „So forsch, so furchtlos“ (Kiepenheuer & Witsch) zeigt in höchst origineller Sprache eine unbekannte Welt hinter der bekannten. Die Handlung spielt im Sommer auf Teneriffa. Doch dort, wo die junge Ich-Erzählerin dieses tragikomischen Romans wohnt, ist es trist und grau. „Ich spürte schon diese unendliche Erschöpfung, die Traurigkeit der tief hängenden Wolken über unseren Köpfen.“ notiert das Mädchen aus einem heruntergekommenen Bergdorf unterhalb des Vulkans. Touristen verirren sich fast nie dorthin; die Bewohner sind arm und oft arbeitslos, sie schuften als Putzfrauen in den Hotels oder als Handwerker auf dem Bau.

Der Strand ist weit weg, fast drei Stunden zu Fuß, und das einzige, was der namenlosen Erzählerin in dieser Tristesse Spaß macht, ist es mit Isora Zeit zu verbringen. Isora fungiert als die beste Freundin, als eine, die alles ausprobiert, alles riskiert, und eine, der es egal ist ob sie eine Tracht Prügel von ihrer Oma kriegt, eine, die zu schnell futtert und zu laut lacht und sehr viel erbricht. „Sie kotzt wie eine Katze“ schreibt das andere Mädchen durchaus verständnisvoll, denn Isora und sie selbst wollen dünn sein, so wie die Schauspielerinnen und Models im Fernsehen und im Internet. Doch nichts in diesem Dorf entspricht dem scheinbaren Glamour der großen weiten Welt. Die Mädchen besitzen nicht einmal ein Handy, und sie begleiten sich abends gegenseitig nach Hause.

Andrea Abreu lässt ihre Hauptfigur einfach drauflos plappern und plaudern, sie erzählt offen davon, wie sie mit Isora über Kartoffelfelder rennt, mit kaputten Puppen Telenovelas nachspielt, Petersilie von fremden Beeten klaut und mit Schimpfwörtern herumwirft. Das Mädchen erzählt auch, was es daheim zu essen gibt – etwa gegrillte Ananas mit Koriandersoße oder „Hühnerflügel“ mit Salzkartoffeln. Indirekt fängt die Autorin somit auch die Kultur des Dorfes ein, sie beschreibt die Bräuche der Bewohner und die seltsamen Gestalten im Straßenfestkomitee. Stets aus der Perspektive der Mädchen, die sich oft laut und wild benehmen, hinter deren Lebenshunger und Provokationen jedoch eine tiefe Traurigkeit steckt. Und eine innige Freundschaft, vielleicht sogar Liebe. An einer Stelle notiert die Erzählerin all jene Dinge, die sie an Isora mag: Ihren Pigmentfleck auf der Pobacke etwa und den Duft ihres Haares nach gerösteten Mandeln und süßem Brot. Obwohl die Sprache in diesem kurzen Werk schroff und herb daherkommt, mit zahllosen Flüchen, transportiert sie Zärtlichkeit und Zuneigung. Andrea Abreu überrascht mit einer unvergleichlichen, unverstellten Prosa, die ebenso forsch und furchtlos wirkt wie der Titel des Buches. Teneriffa, mal ganz anders.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

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