Meret & Sarah

„Ich fand sie im Halbdunkel. Der Schnee, der draußen lag, warf kaltes Licht hinein. Ich brauchte einen Moment, bis ich ihre Umrisse richtig deuten konnte. Aber ich hatte gewusst, dass sie da war. Wir kannten uns mittlerweile gut genug, um die Anwesenheit der anderen zu spüren, bevor wir das Zimmer betraten.“

Klinikromane und Krankenhaus-Serien sind überhaupt nicht mein Ding. Doch obwohl Yael Inokais Roman „Ein simpler Eingriff“ (Hanser Berlin) ausschließlich in einer Klinik und in einem Schwesternwohnheim spielt, hat er mich tief berührt. Das liegt vor allem an der exzellenten Sprache, an sanften, poetischen Momenten und an etwas Rätselhaftem, Dunklem, das die sparsamen Sätze umgibt.

Da lauert also etwas hinter dem hellen, klaren Ton, und hinter dem geregelten, pflichtbewussten Leben von Meret. Die junge Krankenschwester hat die Aufgabe, Patientinnen abzulenken, während an ihnen ein spezieller Eingriff vorgenommen wird. Meret redet und spielt mit ihnen, und sie ist überzeugt davon, dass die psychischen Probleme und Wutanfälle der Patientinnen nach der OP verschwinden. Doch allmählich verliert sie den Glauben an die Macht der Medizin, denn irgendetwas kommt ihr verdächtig vor an den Eingriffen, für Frauen, die nicht der Norm entsprechen.

Während Merets Zweifel wachsen, entsteht eine ungewohnte Nähe zu ihrer Zimmergenossin Sarah. Die beiden flüstern im Dunklen, hinterlegen Dinge füreinander, Bücher, Schokoladen, Blumen und kurze Nachrichten. Sie berühren sich und genießen die Stunden zu zweit, in denen alles, was draußen vor sich geht, außer Kraft gesetzt wird. Szenen, die an Zärtlichkeit und Sprachkunst kaum zu übertreffen sind.

Ein Hauch von „Der Report der Magd“ weht durch diesen feinsinnigen Roman, der vor allem von Meret und Sarah handelt – zwei jungen Frauen, die erstmals in ihrem Leben etwas erkunden und wagen: Den Freiraum, die Freiheit, ein neues Leben inmitten eines starren Krankenhausalltags.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

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