Der alleinerziehende Lothringer

Alleinerziehende Väter spielen in der Literatur selten eine Hauptrolle – kein Wunder, sind sie doch auch in der Realität eine Ausnahme. Ihre Probleme ähneln jenen der Mütter allerdings stark, wie dieser kurze Roman von Laurent Petitmangin zeigt. In „Was es braucht in der Nacht“ (dtv, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller) eine Hauptfigur, einen Monteur aus Lothringen, der seit dem Krebstod seiner Frau komplett überfordert ist.

Seine Söhne Fus und Gillou machen ihm zwar zunächst keine Sorgen; er bringt sie zum Fußball und in den Ferien zum Zelten, kocht und lernt mit ihnen. Doch seitdem Fus 20 Jahre alt ist, hängt er mit einer rechtsextremen Clique ab. Sein Vater, ein Sozialist, ist schockiert. Fortan wird die Kluft zwischen den beiden immer größer – sie schweigen sich erbittert an und gehen sich aus dem Weg. Nur der Fußball bleibt neutrales Terrain und sorgt für ein paar Stunden für eine Verbindung.

Der verunsicherte Vater kämpft mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, während Fus mit seinen Kumpels Flugblätter für den Front National verteilt und schließlich in eine tödliche Schlägerei gerät, für die er sich vor Gericht verantworten muss.

Laurent Petitmangin erfasst in wenigen Worten das Drama einer Familie, einer Region, eines Landes. Seine Tragödie spiegelt die Spaltung der Gesellschaft abseits der Großstädte, und sie porträtiert Menschen, die sich fragen, wer denn nun auf der Seite der Arbeiter steht? Die Sozialisten oder der Front National? Auf nur 160 Seiten erzählt Petitmangin von den privaten Problemen eines alleinerziehenden Mannes, hinter denen das ganze politische Dilemma Frankreichs steht: Strukturwandel, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Armut. Ein großer kleiner Roman, knapp, ehrlich, bodenständig.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

2 Gedanken zu “Der alleinerziehende Lothringer

  1. Gerade suche ich nach Kurzromanen. Das könnte einer für mich sein. Will mir gern den Podcast anhören. Kritisch möchte ich anmerken, dass es keinen Bezug zum Titel gibt, den dieser spiegelt offenbar weder die Konflikte wieder, noch das Alleinerziehen eines Vaters! Diese Spezies ist allerdings unterrepäsentiert.

    • Danke für dein Feedback! Tatsächlich spiegelt der Titel wenig Inhalt, höchstens die nächtlichen dunklen Stunden des Mannes, in denen er allein mit seinen Problemen ist. Wie auch immer – ich empfehle den Roman! 😉

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