Das Archiv der Gefühle

Er ist einsam und allein, lebt nur in der Vergangenheit, in seinen Erinnerungen. Ein Mann mittleren Alters erzählt in Peter Stamms neuem Roman „Das Archiv der Gefühle“ (S. Fischer) von seiner selbst gewählten Isolation. Vor fünf Jahren hat er seine Anstellung als Archivar verloren. Das Zeitungsarchiv lagert seitdem in seinem Keller, und er ordnet es regelmäßig. Vor allem eine Akte beschäftigt ihn rund um die Uhr: Die Aufzeichnungen über die bekannte Sängerin Fabienne, die eigentlich Franziska heißt, hütet der Mann wie einen Schatz. Denn Franziska ist seine große lebenslange Liebe. Vor 30 Jahren verband die beiden eine enge Freundschaft, aus der wohl mehr hätte werden können. Wenn… ja, wenn der Mann nicht so unsicher und zurückhaltend gewesen wäre. Zumindest fragt er sich das nun, als 55-jähriger, der sein Leben versäumt und seine Liebe aus den Augen verloren hat. Hätte er um Franziska kämpfen sollen? Hat er ihre Signale nicht verstanden, seine Chancen nicht genutzt? Oder hat er ihre Liebe gar nie verdient, auch heute nicht?

Peter Stamm porträtiert einen Mann, dessen Gefühle, Erinnerungen und Wünsche mit der Realität verschwimmen. Klare Grenzen scheint es nicht mehr zu geben, wenn der Archivar von einem Wiedersehen mit Franziska erzählt. Hat es tatsächlich stattgefunden oder ist es ein Ausdruck von Liebeswahn? Der Archivar stellt sich ein Leben vor, in dem ihm endlich alles gelingt, und vor allem: in dem er die Liebe zu Franziska auslebt. Stamm forscht in den Tiefen von Einsamkeit und Sehnsucht nach der Wahrheit, und er lässt bewusst vieles unklar. Kann die tragische Hauptfigur die verlorene Zeit zurückholen und ihre Einsamkeit überwinden? Die von schlichter Eleganz getragene Sprache des Schweizer Schriftstellers fließt dahin wie ein stiller Fluss, und doch erzeugt sie einen gefährlichen Sog. Dieser führt in eine Welt, in der alles um Franziska und ihren Verehrer herum verblasst und schließlich verschwindet. Denn es ist nur diese Beziehung, die zählt. Und sei es nur in der Fantasie. Real und gegenwärtig scheinen nur die leeren Straßen und das zurückgezogene Leben des Archivars zu sein – beides erinnert an die Lockdowns der Pandemiezeit. Doch egal ob Peter Stamm mit seinem Protagonisten tatsächlich ein Symbol für die Corona-Stille schaffen wollte – der 58-jähre hat eine schmerzhaft schöne Geschichte voller Melancholie geschrieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.