Glasgow, 1981

Es ist grau und hart in Glasgow, 1981, in der Welt der Arbeiterklasse. In Douglas Stuarts „Shuggie Bain“ (Hanser, übersetzt von Sophie Zeitz) halten sich die Menschen mit Sozialhilfe über Wasser, trinken zu viel Bier, rauchen zu viel und geraten oft in Schlägereien. In dieser Tristesse wächst Shuggie auf, der Sohn von Agnes, einer Alkoholikerin. Sein Vater, ein Taxifahrer, treibt sich nächtelang bei anderen Frauen herum.

Shuggie ist anders als die meisten Jungs – zart, fantasievoll und feminin. Auch Agnes ist anders – sie kleidet sich glamourös, trägt immer makelloses Make-up und bewundert Elisabeth Taylor. Mutter und Sohn verbindet eine zärtliche und tieftraurige Beziehung. Denn Agnes säuft sich langsam zu Tode, während Shuggie versucht, sie aufzuheitern und vom Alkohol abzuhalten.

Douglas Stuart ist mit dieser Mischung aus Sozialstudie und Liebesgeschichte ein Meisterwerk gelungen. Er hat das Talent, alle Gefühle in einem einzigen Satz zu vereinen: Schmerz, Freude, Liebe, Sucht und Tod. Die Geschichte von Shuggie und Agnes hat mich berührt und begeistert, sie ist authentisch und fein formuliert, ohne verkünstelt zu sein. Ein wahres, lebendiges, herzerwärmendes Buch, so schön wie schmerzvoll. Und darüber hinaus das Porträt einer Familie, einer Stadt, einer Zeit, und gleichzeitig eine universelle zeitlose Geschichte übers Anderssein in Armut.

Douglas Stuart hat den mit dem Booker Prize 2020 ausgezeichneten Roman seiner Mutter gewidmet. Die Alkoholsucht hielt auch sie gefangen, in einem tiefen schwarzen Loch, aus dem sie nicht wieder lebendig herauskam.

P.S. In meiner Literatursendung auf egoFM war Douglas Stuart am 9. Oktober 2021 zu Gast. Ihr könnt die Show hier nachhören. 

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