Wer wir sind

Kinder, die staunend dem Pudding beim Wackeln zusehen. Bananen, die in einer Schublade wie Schmuckstücke aufbewahrt werden. Darum dreht sich dieser Roman, zumindest am Rande. Entscheidender noch: Es ist ein Buch über die Scham von Geflüchteten. Das Gefühl von Fremdsein. Die Brutalität des Satzes: „Lernen Sie doch erst mal richtig Deutsch!“

Lena Goreliks „Wer wir sind“ (Rowohlt) ist zudem ein Roman, in dem eine Schriftstellerin zwischen den Zeilen kluge Fragen stellt: Was hält eine Familie zusammen, wenn sich ihre Lebensumstände dramatisch verändern? Wenn sie in ein neues Land auswandert, aber in der Heimat noch immer verwurzelt ist? Wenn die Vorstellungen von der Zukunft und die Erinnerungen an die Vergangenheit auseinanderdriften? Diesen Fragen spürt Lena Gorelik nach. Die 40jährige erzählt von sich selbst, von ihren Eltern und Großeltern, von der Emigration ihrer jüdischen Familie nach Deutschland. 1992 verließen die Goreliks Sankt Petersburg, im Zug, nachts. Lena Gorelik war damals elf, ihr Bruder 20.

Mit der Reife und Souveränität einer erfolgreichen Schriftstellerin blickt Gorelik nun zurück, sie urteilt nicht, vielmehr hinterfragt sie, wägt ab, spürt in sich hinein, reflektiert. Sie erzählt von den Opfern, die ihre Eltern bringen, und den Demütigungen, die sie ertragen mussten, damit es ihren Kindern besser ginge als in der Sowjetunion.

Anderthalb Jahre verbringt die Familie in einer Baracke hinter Stacheldraht – dem Asylbewerberheim. Obwohl Lena kein Deutsch kann, lernt sie schnell die fremde Sprache, wird später Klassenbeste, schafft ein Einserabitur, wird an einer renommierten Journalistenschule aufgenommen. Es ist also auch eine Erfolgsgeschichte, die Lena Gorelik erzählt, doch ihre literarisch-therapeutische Selbsterkundung wird meist von Wehmut getragen.

Goreliks Blick zurück zeichnet sich durch hohe ästhetische Qualität aus. Die Münchnerin glänzt mit spielerischer Sprache und wechselt gekonnt zwischen tiefgründigen, humorvollen und melancholischen Momenten. Darüber hinaus besitzt sie die Gabe, das Wesentliche in knappen Formulierungen einzufangen. Für mich ganz klar Goreliks persönlichster und bester Roman.

Mein Interview mit Lena lief am 10. Juli in meiner Literatursendung auf egoFM – Ihr könnt es nachträglich hören. Zur Show hier. 

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