Durchnummerierte Männer

„Der Mangel an Zweisamkeit, Mangel an Nähe, Mangel an Aufmerksamkeit. Alles , was das Singledasein ausmacht, schlägt in Geilheit um, sobald der Alkohol seine Wirkung entfaltet.“

Eine junge Frau vögelt sich durchs Leben, in Sofia Rönnow Pessahs Roman „Die Männer in meinem Leben“ (Ullstein, übersetzt von Leena Flegler). Sonia braucht Sex, immer wieder, mit ständig wechselnden Männern. In Studentenclubs, Bars, Kneipen, auf Partys und Tinder, geht sie gezielt auf Suche, bis sie kriegt, was und wen sie mag. Die Männer nummeriert sie durch, sie vergisst schnell ihre Namen, und in nur wenigen Jahren hat sie Sex mit 48 Typen gehabt.

Hinter dem wahllosen und zwanghaften Sex, hinter Sonias selbstbewusster Fassade stecken jedoch eine endlose Leere und eine furchtbare Einsamkeit. Nur selten fühlt Sonia sich angenommen, geborgen und gewertschätzt. Sie glaubt, dass sie nicht wirklich geliebt wird, und dass andere Frauen viel sexier und beziehungstauglicher sind als sie. Also taumelt sie weiter durch die Nächte, vögelt weiter, und fragt sich immer häufiger, wer sie überhaupt ist ohne die Bestätigung der Männer. Denn nur wenn sie kommt, kommt sie zur Ruhe. Nur wenn sie merkt, dass sie ein Begehren, ein Verlangen weckt, fühlt sie sich bestätigt und anerkannt. Dieser fatale Zusammenhang mündet in einer Depression.

Sofia Rönnow Pessah hat eine radikale, bestechende Form für Sonias Grenzerfahrungen zwischen Erregung und Schmerz gefunden: Jedes Kapitel steht für einen Mann, meist sind die Kapitel so kurz wie die Begegnungen, und heraus kommt dabei ein erstaunliches, kraftvolles Sexprotokoll. Schonungslos notiert die Ich-Erzählerin Sonia, wie sie Antidepressiva und Sperma schluckt. Lakonisch beschreibt sie ihre Dates und Ficks, doch Sofia Rönnow Pessah macht aus dem Leid und der Lust ihrer Hauptfigur kein voyeuristisches Spektakel, sondern ein mitreißendes Psychogramm.

Ich habe das Buch am 22. Mai in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

2 Gedanken zu “Durchnummerierte Männer

  1. Bin nicht sicher, ob man dieses traurige Psychogramm eines menschlichen Offenbarungseid, der sicher sehr gut in unsere Zeit passt, wirklich lesen muss.

    • Man muss es natürlich nicht lesen – ich überlasse das gerne jedem Leser, jeder Leserin. Aber ich habe einiges dabei gelernt und werde mir die Autorin merken.

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