Glücksbringend, dieses Buch

„Ich durfte in der Hängematte liegen bleiben und von dort mein Stück Kuchen essen und die Tasse Muckefuck trinken. Die Hängematte war zwischen zwei Apfelbäume geknotet, unter mir lagen die Falläpfel, über mir hingen die Klaräpfel, neben mir standen die Büsche mit den roten, weißen und schwarzen Johannisbeeren. Ich lag im Schatten, und es war ganz still. Und es duftete nach dem warmen Kuchen. Dann machte ich die Augen auf. Es war mein Sehnsuchtsort“

Die kurzen Geschichten in Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ (dtv) sind verwurzelt in der Zeit, in der sie spielen. In der Lebenszeit der Schriftstellerin, 1940 bis heute. Sie spielen an den Orten von Schuberts Alltag, in Berlin, in Mecklenburg-Vorpommern, an der Ostsee. Es sind leise, weise Geschichten, die jedoch nahezu jeder Mensch erzählen könnte, jede Tochter, jede Mutter, jede Großmutter, jede Urgroßmutter – wenn sie so schreiben könnten wie Helga Schubert. Denn es sind Geschichten übers Leben. Übers Überleben. Übers Alt sein. Übers Menschsein.

In kurzen Episoden erzählt Schubert ein deutsches Jahrhundertleben. Als Kind erlebt sie den Zweiten Weltkrieg, den Tod ihres Vaters, die Flucht. Ihre traumatisierte, hartherzige Mutter lässt sie spüren, dass sie ein unerwünschtes Kind ist, und doch singt sie ihr jeden Abend drei Strophen zum Einschlafen vor. Echte Zuneigung bekommt die Ich-Erzählerin nur bei der Großmutter väterlicherseits, bei der sie die langen Sommerferien verbringt und in der Hängematte im Apfelbaumgarten liegt. Später, in der DDR, wird Schubert von der Stasi bespitzelt, und nach dem Fall der Mauer fühlt sie sich erlöst. Was bleibt, ist „mein bleibender Diktaturschaden“ – eine Einstellung gegen Pathos und fürs Aufstehen. Die widerstandsfähige Frau will immer untypisch sein, so beschreibt sie sich selbst, und sie möchte sich nicht vereinnehmen lassen.

Helga Schubert vertraut sich Ihren Leser*innen mit einer bodenständigen, bisweilen lyrischen Sprache an, und ihr klarer Blick schweift von ihrer Kindheit bis in die Gegenwart, zum Alltag mit ihrem pflegebedürftigen Mann in einem kleinen Haus in der menschenleeren Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns. Schubert erkundet auf 222 Seiten ihre Ursprünge, geographisch, familiär, psychologisch. Ein glücksbringendes Buch, das ich von der ersten Zeile an ins Herz geschlossen habe.

Ich habe das Buch am 22. Mai in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

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