Klara und die Sonne

Klara möchte eine gute Freundin sein. Sie will sich korrekt verhalten, und sie bemüht sich, es den Menschen in ihrem Umfeld recht zu machen. Also hört Klara genau zu und hält sich an die Anweisungen, die sie bekommt.

Klara ist die Hauptfigur in Kazuo Ishiguros erstem Roman seit seinem Gewinn des Literaturnobelpreises 2017. In „Klara und die Sonne“ (Blessing, übersetzt von Barbara Schaden) erzählt Ishiguro ruhig und feinfühlig aus Klaras Perspektive. Das Besondere daran: Klara ist eine künstliche Intelligenz. Sie wurde dafür programmiert, einem Kind als „KF“ zur Seite zu stehen, als Künstliche Freundin, als effektives Mittel gegen die Einsamkeit.

Seitdem die 13-jährige Josie Klara in einem KF-Laden ausgesucht hat, lebt der Roboter im Haus von Josies alleinerziehender Mutter. Klara spielt und spricht mit Josie, und sie versucht, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Klara beobachtet die Menschen und lernt, aus ihrem Verhalten schlau zu werden. Schritt für Schritt eignet sie sich menschliche Verhaltensweisen und Empathie an.

So, wie Kazuo Ishiguro die KF beschreibt, ist die Maschine rücksichtsvoller, mitfühlender und offener als die Menschen. Diese wirken gestresst und gereizt, getrieben von Perfektionismus und Selbstoptimierung. Kinder wie Josie stehen unter enormem Druck, sich mit guten Noten für die besseren Colleges zu qualifizieren. Das Spielen mit Gleichaltrigen haben sie verlernt; schließlich haben sie KFs. Eine Welt, die nicht allzu weit von der Gegenwart entfernt zu sein scheint.

Mit unheimlicher literarischer Ruhe erweckt Ishiguro Klara zum Leben. Durch ihre aufmerksamen Augen betrachtet, sind die Menschen überforderte Wesen, die sich allein auf die Technik verlassen, wohingegen Ishiguro Klara auf die magischen Kräfte der Sonne vertrauen lässt, die sie wärmen und am Leben erhalten. Wie ein zurückhaltender Therapeut schildert Ishiguro Klaras Gedanken, und da er ebenso wenig wertet wie die KF, eröffnet seine Geschichte einen großen Interpretationsspielraum. Feinsinnige Sciene Fiction mit wenig Technik und viel Gefühl.

Ich habe das Buch am 24. April im Sciene Fiction Special meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

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