Indigenes Meisterwerk aus Kanada

„Auf dem Spielfeld erwachten unsere Träume zum Leben.“

Richard Wagamese erzählt in „Der gefrorene Himmel“ (Blessing, übersetzt von Ingo Herzke) von der Reise eines indigenen Jungen aus der kanadischen Wildnis in die Zivilisation und von der Verwirklichung eines Traums. Gleichzeitig ist es eine erschütternde Tragödie über Ausgrenzung und Unterdrückung. Ein Roman über die Wildnis als Zuflucht – und den Frust übers Anderssein, der in Alkohol und Aggression mündet. Die Handlung spielt in den 1960er und -70er Jahren und basiert auf der Lebensgeschichte des Schriftstellers.

Zum Plot: Der sechsjährige Saul aus Ontario wird als Waise in ein Heim gesteckt. Alles Indianische soll ihm dort ausgetrieben werden, und seine Familie wird als primitiv gebrandmarkt. Für Saul, der die Natur und die Legenden seiner Vorfahren liebt, zerbricht eine Welt. Sein Urgroßvater war Schamane und Fallensteller, und weil er so viel Zeit draußen im Land verbrachte, „sprach das Land zu ihm, erzählte ihm Geheimnisse und Lehren.“

Wie sich zeigt, wird Saul einen Ersatz für seine Familienlegenden finden. Denn der Sportlehrer im Heim unterrichtet Eishockey. Ihm fällt Sauls magisches Talent für das Spiel auf, und er fördert ihn. Nach ein paar Jahren darf der Junge das Heim verlassen und zu einer Pflegefamilie ziehen, die Hockeyspiele zwischen indigenen Mannschaften organisiert. Innerhalb kürzester Zeit steigt Saul zum Star in dieser Szene auf. Im Freilufthockey im arktischen Wind, umgeben von Eis und Schnee, erschafft sich Saul ein neues Zuhause, und in der Gemeinschaft der Spieler findet er Schutz.

In einer kristallklaren, anmutigen Sprache zeichnet Richard Wagamese den Weg seiner Hauptfigur nach. Wenn Saul und seine Teamkollegen bei minus 30 Grad über zugefrorene Seen und Teiche gleiten, glaubt man als Zuschauer am Spielfeldrand mit dabei zu sein. Saul, so scheint es, kann nun nichts mehr passieren. Wagamese weiß jedoch aus eigener Erfahrung, dass sich das Leben eines indigenen Jungen nicht nach Märchenplots ausrichtet. Folgerichtig stürzt Saul in tiefste Abgründe, als er seinen größten Erfolg erreicht: Als Profispieler in der kanadischen Liga, unter Weißen. Zwar setzt sich Saul auch dort mit seinem genialen Spiel durch, doch er muss feststellen, dass er immer nur als Indianer betrachtet wird, als Außenseiter. Seine Teammitglieder, die Zuschauer und die Medien reduzieren ihn ständig auf seine Herkunft, und darüber wächst in Saul Frust und Aggression. Er wird zum Schläger und Alkoholiker, und erst viele Jahre später versöhnt er sich mit der Welt, die offenbar keinen Platz für ihn vorgesehen hatte.

Richard Wagamese verarbeitete in diesem Werk sein eigenes Leben: Als Kind wurde er von seinen Eltern getrennt, wuchs in Heimen und bei Pflegefamilien auf, und wurde erst im Alter von 23 Jahren wieder mit seiner Familie vereint. Der in Kanada vielfach ausgezeichnete und verehrte Schriftsteller starb im Jahr 2017.

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