Zwischen Wahn und Wirklichkeit

„Für das, was wir taten, gab es wieder Tradition noch Vorbild. Wir fanden es mit jedem Schritt. Dabei gab es definierte Grenzen, wir hatten uns darauf geeinigt, dass die Strafen, wie das erste Mal, Überraschungen sein würden. Er würde nicht wissen was kommt.“

Lucy bestraft Jake, ihren Mann. Drei Mal. Denn er hat sie betrogen. Doch „Die Harpyie“ von Megan Hunter (C.H. Beck, übersetzt von Ebba D. Drolshagen) ist kein typisches Ehedrama oder Mainstream-Beziehungsthriller. Der kurze Roman gleicht vielmehr einem brillanten Psychogramm.

Denn über der Geschichte von Rache und Vergebung schwebt eine Harpyie, dieses Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Die Vogelgestalt mit Frauenkopf hat Lucy schon als Kind fasziniert, und nun, in ihrer Wut und Verzweiflung als betrogene Ehefrau, wird die Harpyie zu ihrem Vorbild. Und, noch wichtiger: Lucy wird selbst zu einer Harpyie, ihr Körper und Geist scheinen sich zu verändern, und sie findet Gefallen daran, Jake zu verletzen.

Megan Hunter genügen wenige Worte, um tiefe Abgründe einzufangen. Von Beginn an umgibt ihren Roman etwas Bedrohliches, Unheimliches – die Familienidylle wird von Lucy und Jake nur imitiert, wie von Schauspielern. Dahinter toben Stürme, und hinter Hunters reduzierter, klarer Sprache flackern Kindheitstraumata auf, stürzt das Ehepaar ins Dunkel, fällt Lucy aus der Rolle. Deren aufgewühlten, rätselhaften Zustand vermittelt die britische Autorin ungefiltert und radikal, als wären da keine Buchseiten, keine Sätze, sondern stünde Lucy persönlich vor einem, als flattere die Harpyie aus dem Roman.

Eine intensive Geschichte, und eines jener Werke, die sich im beunruhigenden Mittelreich zwischen Wahn und Wirklichkeit abspielen. Hintergründig und gefährlich wie ein Tornado.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 27. Februar auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

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