Von Bodyguards bewacht

Stellt Euch vor, Ihr werdet dauernd bewacht. Alles, was Ihr tut, steht unter Beobachtung. Nie seid Ihr wirklich allein und unabhängig. Ständig sorgen Bodyguards für Eure Sicherheit, ob Ihr es wollt oder nicht. Ein Alptraum, oder?

Johann Scheerer hat das tatsächlich erlebt. In seinem neuen Roman „Unheimlich nah“ (Piper) erzählt er vom Aufwachsen mit Personen- und Gebäudeschützern, von einem Teenagerleben unter Dauerkontrolle und ständiger Bedrohung. Wie kann man sich unter diesen Umständen abnabeln, erwachsen werden und zu sich selbst finden? Diese Fragen begleiten den Ich-Erzähler, einen 15jährigen, rund um die Uhr. Denn wie soll er zur Schule kommen, Partys feiern, Mädchen kennenlernen, mit seinen Bandkollegen proben, Urlaub machen, ohne dabei von Bodyguards begleitet zu werden?

„Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?“

Die Antwort ist bitter: Nein. Er muss sein Leben mit seinen Bewachern teilen. Sonst ist er in Gefahr. Der Hintergrund: Sein Vater hat viel Geld geerbt, wurde entführt und erst nach 33 Tagen gegen ein Lösegeld in Millionenhöhe freigelassen. Seitdem kennt jeder seine Familie, und seine Eltern haben Angst, dass so etwas nochmal vorkommt. Deswegen die Bewachung, die Kontrolle, der Schutz. Die Familiengeschichte ist Realität: Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. In seinem Debütroman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hat er bereits 2018 einen Teil seiner Erlebnisse während der Entführung verarbeitet.

In einem lockeren, authentischen Ton erzählt Johann Scheerer von seinem Alter Ego. Der Teenager im Buch versucht, sich an die neue Situation zu gewöhnen, ihr manchmal sogar etwas abzugewinnen. Er sucht Wege und Auswege. Er sehnt sich nach Freiheit und Normalität. Und doch scheitert er immer wieder an diesem Anspruch: „Ich verwendete viel Energie darauf, mich optisch anzupassen und dem Bild des eigenständigen und möglichst unabhängigen Jugendlichen zu entsprechen, wurde aber täglich damit konfrontiert, dass Eigenständigkeit in diesem Lebenssystem nicht vorgesehen war.“

Immerhin, er bekommt einen Plattenvertrag mit seiner Band, und er hat erste Beziehungen. Er zieht durch die Bars auf St. Pauli, wird volljährig, bekommt von seinen Beschützern ein Sicherheitstraining, nimmt Drogen, findet und verliert sich.

Johann Scheerer schildert drei Jahre im Leben eines ganz normalen Teenagers, der unter ganz ungewöhnlichen Bedingungen leben muss. Ein kluger Coming of Age Roman, hinter dem eine reflektierte Grundhaltung steckt. Die Figur Johann lässt tief in ihr Innerstes Blicken, schildert selbstironisch, nachdenklich, offen und komisch von Ängsten und Unsicherheiten. Von einem bewachten Leben und dem Wunsch, auszubrechen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 16. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

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