Literarisches Erinnerungsrätsel

„Wenn Sprache auf irgendeine Art unser Denken bestimmt, hätte ich nie eine andere werden können als die, die ich bin. Und die Sprache, mit der ich aufwuchs, war eine Sprache, die kein anderer sprach. Ich würde mich in der Gesellschaft anderer also immer isoliert, einsam und unwohl fühlen. Es lag an meiner Sprache. Es lag an der Sprache, die du mir gegeben hast.“

Eine Tochter blickt zurück. Wütend, entschlossen und mutig. Sie will endlich wissen, was ihre Mutter ihr angetan hat. Warum sie früher mit ihr in einer eigenen Sprache mit frei erfundenen Worten gesprochen hat. Was damals auf ihrem Hausboot geschehen ist. Und vor allem: Warum sie, die Mutter, vor 16 Jahren verschwunden ist.

Daisy Johnsons Roman „Untertauchen“ (btb, übersetzt von Birgit Maria Pfaffinger) handelt von einer vor Anspannung fast berstenden Mutter-Tochter-Beziehung. Gleich zu Beginn spricht Gretel, die Tochter, ihre Mutter Sarah direkt an. Du. Du. Du. Mit einer prägnanten, starken Stimme fordert sie Erklärungen. Doch ihre Mutter hat Alzheimer, und an vieles möchte sie sich offenbar auch nicht erinnern. Also streiten sie, und versöhnen sich wieder. Sie sind abwechselnd laut und leise, wie dieses Buch, das von einer intensiven, widersprüchlichen Aufarbeitung der Vergangenheit handelt.

In einer schonungslosen, druckvollen Prosa schildert Daisy Johnson Gretels Rolle in diesem Erinnerungsdrama, während die 30-jährige Autorin in den Kapiteln mit den Rückblenden deutlich ruhigere, poetischere Töne findet. Gegensätze, die auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter charakterisieren: Wut und Liebe liegen nah beisammen, ebenso wie Nähe und Distanz, Resignation und Hoffnung. Gretel, die um Klarheit bemühte Lexikografin, steht in ihrem Kampf um die Wahrheit Sarah gegenüber, der verwirrten Vagabundin. Größer könnten die Gegensätze kaum sein, und Daisy Johnson bemüht sich nicht, diese zu kaschieren. Umso spannender entwickelt sich ihr Plot, der von elementarer Prosa getragen wird: Beim Lesen glaubt man, das Wasser strömen zu sehen, die Luft flirren zu hören, die Erde riechen zu können. Ein literarisches Erinnerungsrätsel, das noch länger in Erinnerung bleiben wird.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 28.11.20 auf egoFM vorgestellt und Daisy Johnson interviewt. Zur Show hier. 

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