Knausgårds opulentes Debüt

Erstmals auf Deutsch: Das 1998er-Debüt von Karl Ove Knausgård, „Aus der Welt“ (Luchterhand, übersetzt von Paul Berf).

Ein verschneiter, dunkler Ort am Rande der Welt. 300 Einwohner, hoch oben im Norden Norwegens. Jeder kennt jeden, und die Natur, die Kälte, das Meer, der Schnee, haben das Dorf im Griff. Doch dann bringt ein junger Mann das abgeschottete, ruhige Leben aus dem Gleichgewicht.

Henrik, der Aushilfslehrer, ist 26 Jahre alt, kommt aus dem Süden des Landes und unterrichtet ein Jahr lang an der Schule. Er träumt, trinkt, raucht, reflektiert und jetzt kommt das Unfassbare: Er verliebt sich in Miriam, eine 13jährige Schülerin. Er lädt sie zu sich ein, küsst und streichelt sie, will noch mehr. Henrik schämt sich für seine Lust, sein Verlagen, und er hat höllische Angst, aufzufliegen. Doch trotz seiner Schuldgefühle lässt er nicht von Miriam ab.

Ist das literarische Pädophilie? Teile dieses opulenten, tiefsinnigen Romans wurden als Skandal bezeichnet. Und tatsächlich, die Handlung des ersten Teils ist eine brisante Provokation. Aber entscheidender für mich ist, wie großartig Knausgård schreibt. Wie er von jedem Moment ein bezauberndes Bild malt, wie unheimlich präzise er beobachtet – nichts entgeht ihm, kein Geräusch, keine Bewegung, kein Geruch, keine Stimmung. Im zweiten Teil, in dem Henrik von seinen Eltern und ihrem Kennenlernen im sommerlichen Kristiansand erzählt, zeigt Knausgård sein ganzes Können: In feiner, schwebender Prosa schildert er, wie Ingrid und Harald sich nahekommen und eine Familie gründen.

Wie seine Hauptfigur innehält, sich vergegenwärtigt, alles hinterfragt, zwischen Traum und Realität wechselt, ins Philosophieren kommt und sich schonungslos selbst erkundet, das ist ganz große Literatur. Schon klar, die permanente Selbstbespiegelung, die überbordende Detailversessenheit und geschwätzige Ergründung des Sinns des Lebens, kann zwischendurch nerven. Auch der dritte Teil mit seinen literaturtheorethischen Ausschweifungen, ist teilweise überflüssig. Doch dann verzaubert Knausgård wieder, mit poetischen Sätzen über Scham, Lust, Zweifel, Fantasie, Liebe und Träume, die man zum Zeitpunkts des Erscheinens dieses Debüts so noch nie gelesen hatte. Kein Wunder, dass dieses Werk den Startschuss für eine Weltkarriere gab.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 14.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

2 Gedanken zu “Knausgårds opulentes Debüt

  1. Bei Knausgård bin ich sowas von gespalten …
    Einerseits kann er einen unglaublichen Sog entwickeln – andererseits will mir die Lektüre mit einem „och nööö Junge mach mal halblang“ den Fingern entgleiten.
    In diesem Sinne
    fröhliche Lesestunden
    Sabine vom 🕷 🕸

    • Ja, dieses „och nööö…“ kenne ich trotz aller Begeisterung auch sehr gut! 😉 Er sollte sich einfach etwas mehr beschränken und reduzieren, das würde mir gefallen und ihm noch mehr Leser*innen verschaffen.

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