Jesus spricht…

„Als ich jünger war, genoss ich es auserwählt zu sein. Jetzt ist dieser Hunger gestillt. Lieber würde ich die Annehmlichkeiten der Anonymität genießen und ein Leben führen, das zu Unrecht banal genannt wird.“

Ja, es ist tatsächlich Jesus Christus, der hier spricht. Die belgische Autorin Amélie Nothomb schreibt in „Passion“ (Diogenes) aus seiner Perspektive, und sie beginnt ihren kurzen Roman in der Nacht vor seiner Hinrichtung. Allein in seiner Zelle, blickt Jesus zurück. Auf den Prozess, den man ihm wegen seiner Wunder gemacht hat. Auf die riesige Erwartungshaltung, der er oft nicht gerecht werden konnte. Auf die Beziehung zu seinem Vater. Auf Judas und Maria Magdalena.

Amélie Nothomb zeigt einen reflektierten, vielschichtigen und zweifelnden Mann, der versucht, in seinen letzten Stunden den Sinn seines Leidens zu hinterfragen. „Sich opfern zum Wohle aller, das ist doch abartig.“ denkt Jesus, der sich auch fragt, wie sein Vater es zulassen konnte, dass seine Kreatur, der Mensch, etwas so unmenschliches wie die Kreuzigung erfinden konnte.

Aus dem geistreichen Monolog des Heilands entsteht beim Lesen eine feinsinnige, dezent ironische Charakterstudie. So pointiert hat noch niemand über die letzten Tage Jesu geschrieben – ein köstliches Vergnügen, auch für Atheisten.

„Der große Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist, dass er Liebe ist und ich liebe. Gott sagt, dass die Liebe für alle da ist. Ich, der ich liebe, weiß dagegen, dass man nicht alle gleich lieben kann. Dazu braucht man einen langen Atem.“

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 14.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

 

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