Sterben im Sommer

„Jeder hat seine Geschichte von Krankheit und Tod, jeder hat seine Verluste, seine schwarzverästelten Bilder, die nicht verblassen. Die Toten sind nie tot, sie gehören in die ersten Sätze einer Begegnung, eines Gesprächs, sie sitzen in den Gärten, an den Tischen, vor den Suppenschüsseln, den Körben mit dem aufgeschnittenen weißen Brot, und befehlen, so, nun redet von mir, lasst nicht nach, hört nicht auf, von mir zu reden.“

„Sterben im Sommer“ (S. Fischer) von Zsuzsa Bánk ist das vielleicht traurigste Buch des Jahres. Denn die Schriftstellerin erzählt vom Tod ihres Vaters, von Verlust, Verzweiflung und Trauer. Gleichzeitig besitzt dieser Text eine ungemein tröstliche, heilende Kraft. Denn Bánk zeigt: Jeder von uns begegnet dem Tod, verliert Familienmitglieder und Freunde, erlebt dunkle Stunden, und dennoch, erstaunlicherweise, unerhörterweise: Irgendwann geht das Leben weiter.

Eigentlich ist der Tod ihres 85-jährigem Vaters etwas Normales, Alltägliches – das räumt Bánk ein. Und dennoch überwältigt sie der Schmerz. Denn:

„Es zählt nicht, wenn andere das vor uns erlebt haben und wir daran teilhatten. Es zählt, dass wir es erleben. Nur wir erleben es so, nur wir erleben es auf unsere Art.“

Also lässt Zsuzsa Bánk uns teilhaben an ihrem sehr persönlichen Abschiednehmen. An Tränen, Träumen, Wut, Ohnmacht, Angst, „dem Wahnsinn“, wie sie schreibt. Die schweren Stunden am Krankenbett ihres Vaters, in Kliniken, bei seinem Begräbnis und beim Verwalten des Nachlasses, verwandelt Bánk in hochwertige Literatur und bewegende Bilder. Ihre einzigartige Prosa schwebt hoch oben und wirkt ganz tief. Eigentlich ist die Schriftstellerin eine Zauberin, denn so intensiv und vielseitig, wie sie über den Tod schreibt, entsteht aus der Trauer Kunst. Beim Lesen wollte ich immer wieder bestimmte Sätze ausschneiden und einrahmen, so sehr faszinierte mich ihr Stil.

Nebenbei handelt das Buch vom Verlust von Heimat. Zsuzsa Bánks Vater sprang 1956 während des ungarischen Aufstands in Budapest in einen Zug Richtung Westen. Hinter Mauern und Stacheldrahtzäunen konnte er seine Verwandten lange Zeit nicht mehr erreichen. Später kehrte er mit seiner eigenen Familie in fast jedem Sommer zurück, und auch davon erzählt Bánk: Vom Brückenbauen zur Vergangenheit, vom paradiesischen Sommerhaus, und vom Abschied von dieser geliebten Familientradition nach dem Tod des Vaters. Wie bereits angedeutet: Ein meisterhaftes Werk, das zu Tränen rührt und tröstet.

„Wir kaufen ein Grab. Montagmorgen, 9:00 Uhr, und wir kaufen einen Tag. Für uns ist heute Gräberkaufzeit. Es ist das erste Grab, dass wir kaufen. Es ist das erste Mal für uns.“

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