Plädoyer für das Bewahren von Erinnerungen

„Obwohl Erinnerungen verblassen, bleibt ein Nachhall. Sie sind wie Samenkörner. Schon beim nächsten Regenguss können sie wieder keimen und sprießen. Selbst wenn manche Erinnerungen scheinbar verloren gehen, bleibt im Herzen  eine Spur davon zurück.“

Stellt Euch vor, wie es wäre, wenn ständig Dinge verschwinden. Einfach so. Für immer. Weil diese Dinge weg sind, verblassen auch die Erinnerungen an sie. Nur ganz wenige Menschen besitzen noch die Fähigkeit, sich zu erinnern. Sie bewahren die Bilder, Düfte und Geräusche von den verschwundenen Gegenständen in ihrem Kopf, im Gedächtnis. Doch diese Menschen sind in Gefahr. Denn das Erinnern ist verboten.

Mit diesem Szenario hat Yoko Ogawa eine kostbare Fabel auf die Kraft und Magie des Erinnerns geschaffen. In „Insel der verlorenen Erinnerung” (Liebeskind) erzählt die japanische Schriftstellerin von einer jungen Autorin, die auf einer Insel lebt. Besorgt erlebt sie, wie Vögel, Rosen, Hüte und Parfums verschwinden. Sie muss ertragen, dass ihre Mutter von der Erinnerungspolizei verschleppt und getötet wird.

Ihr Lektor zählt zu den wenigen Bewohnern, die sich noch erinnern können. Damit nicht auch er von der Erinnerungspolizei geschnappt wird, versteckt ihn die junge Frau in einer Kammer im Keller ihres Hauses. Kann sie ihn und sein Gedächtnis retten? Oder werden auch seine Spuren irgendwann ausgelöscht sein?

Yoko Ogawa nähert sich in all ihren Romanen auf eine leise, anmutige Art ihren Figuren und taucht in deren Gedankenwelten ein. Ihre erzählerische Kraft entsteht durch Ruhe, durch eine formal klare, aber inhaltlich rätselhafte Sprache. In diesem Roman von 1994, der nun erstmals auf Deutsch erscheint, schreibt Ogawa von der Trauer übers Vergessen. Über die unheimliche Leere, die entsteht, wenn etwas fehlt. Ein stilles, feinsinniges Plädoyer für das Bewahren von Erinnerungen sowie für Freundschaft, Solidarität und Zivilcourage.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 12.9.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

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