Turbulenzen!

Ist das überhaupt möglich? Auf gerade einmal 136 Seiten die ganze Welt zu umrunden? Der britisch-kanadische Autor David Szalay führt dieses Kunststück in seinem neuen Roman „Turbulenzen“ (Hanser, übersetzt von Ahrens Henning) eindrucksvoll vor: In zwölf kurzen Kapiteln, an zwölf Schauplätzen und mit zwölf Flügen verbindet er Schicksale, Familien, Kulturen und Welten. Szalay beginnt seine Handlung in London und führt sie über Madrid, Dakar, Toronto und Seattle fort. Weitere Stationen sind Hongkong, Ho-Chi-Minh-Stadt, Delhi, Kochi, Doha und Budapest. So viel geflogen wurde selten in einem Buch. Und selten wurde ein Konzeptroman mit festgelegter Struktur so überzeugend umgesetzt.

Der 46-jährige Autor hat sich für einen ungewöhnlichen Ablauf entschieden: In jedem Kapitel begegnen sich zwei Personen, von denen eine zurückbleibt und die andere weiter reist, in die nächste Geschichte. Zu Beginn kommt eine ältere Frau auf dem Flug von London nach Madrid ins Gespräch mit ihrem Sitznachbarn, einem senegalesischen Geschäftsmann. Dieser erfährt in Kapitel Zwei von einem tragischen Unfall, bei dem ein deutscher Pilot Zeuge war. In der folgenden Geschichte verbringt der Pilot eine Nacht mit einer Journalistin in Sao Paulo. Die Brasilianerin wiederum fliegt am nächsten Tag nach Toronto, um eine Schriftstellerin zu interviewen. Und so weiter…

In einer klaren, reinen Sprache, die bisweilen wie die Flugzeuge zu schweben scheint, stellt David Szalay Verbindungen her. Er berichtet von Begegnungen und Momenten, auf die seine Protagonisten nicht vorbereitet sind. Er erzählt von Menschen, die Halt suchen, Trost spenden, Geheimnisse bewahren oder ihre Einsamkeit überwinden wollen. Manche Flüge stellen Wendepunkte dar, und gelegentlich werden dadurch aus Fremden Vertraute, aus Vertrauten Fremde. Salazy besitzt die große Gabe, komplexe Situationen in wenigen Sätzen einzufangen. Sein reduzierter Stil lässt Raum für eigene Gedanken; die Geschichten setzen sich im Kopf der Leser fort.

Man kann diesen Roman als Parabel über die Entwurzelung und Zerrissenheit der Menschen in einer globalisierten Welt sehen. Denn die beschriebenen Paare und Familien leben über die ganzen Globus verstreut und haben nur dann die Möglichkeit, sich zu sehen und zu umarmen, wenn sie in Flugzeuge steigen. Genauso gut kann man in den zwölf literarischen Flügen aber auch die Chancen sehen, die den Austausch von Kulturen und Menschen über weite Distanzen hinweg möglich machen. David Szalay urteilt jedenfalls nicht über seine Protagonisten und ihre Reisebewegungen. Er beobachtet sie nur, aufmerksam und aus nächster Nähe, um sie bald wieder nach oben zu schicken, in den Himmel, in neue Turbulenzen.  

Ich habe David Szalay für meine Buchsendung am 22.8.20 auf egoFM interviewt. Zur Show hier. 

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