Wie man nicht zur Beute der Bestien wird

Warnung: Dieses Buch verstört. Macht sprachlos. Und: es begeistert.

„Das wirkliche Leben“ (dtv) von der belgischen Autorin Adeline Dieudonné ist ein brutales Märchen. Erzählt von einem achtjährigen Mädchen, das zum Schluss 15 ist. Es lebt mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in einer kargen Neubausiedlung: „Etwa 50 graue Einfamilienhäuser, aufgereiht wie Grabsteine.“

Ein Leben in Verbitterung, Depression und Apathie ist für die Bewohner der Siedlung ganz normal. Dazu passt der tägliche Familienterror. Der Vater des Mädchens schlägt seine Frau und verachtet seine Kinder. Adeline Dieudonné zeigt ihn als Bestie, und sie ruft auch in ihren anderen Figuren die Monster hervor, beschönigt nichts. Denn die unterschwellige Botschaft ihres Romans lautet: Das Leben ist blutig, also passt gut auf, wie ihr da rauskommt, und vor allem: wie ihr nicht zur Beute der Bestien werdet.

Das Mädchen beobachtet die tägliche Gewalt aufmerksam und erzählt kühl bis lakonisch von der Wut ihres Vaters, der Opferhaltung ihrer Mutter, der Liebe zu ihrem Bruder. Vom Schrottplatz, auf dem sie vom Wahnsinn der Erwachsenenwelt geschützt ist, vom Hundewelpen, der es begleitet und dem Ziegengehege ihrer Mutter.

Je älter das Mädchen wird, umso klarer erkennt es, dass sie dem Grauen, der Angst und dem Schrecken des Alltags entfliehen muss. Illusionen macht es sich allerdings nicht: „Mein Körper verändert sich. Ich war von einem unbedeutenden kleinen Etwas zu einem abstoßenden kleinen Etwas geworden.“ Es entwickelt einen großen Wissenshunger, verbessert seine naturwissenschaftlichen und mathematischen Fähigkeiten und träumt von der Konstruktion einer Zeitmaschine.

Innerlich errichtet das Mädchen eine Festung, erlaubt sich aber sexuelle Gefühle gegenüber dem Vater der Kinder, auf die sie als Babysitterin aufpasst. Sobald sie ihm nahekommt, erlebt sie „eine Mischung aus Vergnügen und Furcht, ein unbeschreibliches Lustgefühl von beängstigender, unkontrollierbarer Intensität.“

Diese Mischung aus Vergnügen und Furcht überkommt einen auch beim Lesen. Adeline Dieudonné gibt ihrer Hauptfigur eine irritierend formulierungsstarke Stimme. Mit schonungslos offenen Worten sowie skurrilen und brillanten Metaphern entlarvt das Mädchen die Brutalität ihres Vaters und befreit sich Schritt für Schritt von seiner Macht, seiner Wut, seinem Wahn. Eine umwerfende Coming-of-Age-Geschichte über Gewalt, Sex und Physik mit einem wilden Finale.

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