Schlauchboote und Allmählichkeitsschäden

Kürzere Kurzgeschichten kann man kaum schreiben. Sie sind oft nur eine Seite lang, manchmal sogar nur eine halbe, manchmal fünf Seiten. Franz Hohler, der große Meister der kleinen Form, brilliert in seiner neuen Sammlung „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ (Luchterhand) mit pointierten Szenen aus seinem Alltag und seiner Fantasie.

Er beschreibt ein Konzert ohne Ton, in dem das Hören der Stille zum Erlebnis wird – in Coroa-Zeiten ein sehr passender Moment. Und sonst? Hohler beobachtet eine von Bahngleisen getrennte Entenfamilie, wird von Flüchtlingen in einem Schlauchboot auf einem Schweizer Bergsee überrascht, beschreibt Allmählichkeitsschäden (ja, dieses Wort gibt es tatsächlich, zumindest bei ihm!) an Kunstwerken und Menschen und schildert seine Reiseeindrücke aus Sarajevo, Moskau, Kiew und Usbekistan.

Franz Hohler ist ein schlauer, genauer Beobachter. Ein schmunzelnder, aufmerksamer und bisweilen nachdenklicher Flaneur. Seine feine Prosa überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen, beschreibt skurrile Begegnungen und sie scheint bisweilen zu schweben. So leicht und doch so literarisch entzückt sie uns.

„Ich bin gerne Dichter. Lebender Dichter.“ schreibt Hohler, nachdem er von einer zufälligen Begegnung in Zürich erzählt. Ein Passant erkennt den 77-jährigen und bekennt überrascht, er habe nicht gewusst, dass Hohler noch lebe. Auch darüber kann Hohler schmunzeln. Und schreiben. Was für ein weiser, wohltuender Schriftsteller!

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