Raffiniert und mysteriös, diese Liebesgeschichte

Ein Mann verliebt sich in eine Frau. Innerhalb weniger Minuten spürt er: Sie ist es. Zum Glück erwidert die Frau seine Gefühle. Mit ganzem Herzen, aus tiefster Zuneigung und Überzeugung, lassen die beiden sich auf das Schönste ein, was sie je erlebt haben. Sie glühen füreinander und verschmelzen miteinander. Doch dann geht die Frau. Einfach so, am nächsten Tag. Und sie kommt für lange Zeit nicht zurück.

Mit „Der Choreograph“ (btb) hat Håkan Nesser eine der rätselhaftesten und wunderbarsten Liebesgeschichten der vergangenen Jahre geschrieben. Das Buch ist eigentlich Nessers Debüt aus dem Jahr 1988, aber erst jetzt, zum 70. Geburtstag (21.2.) des schwedischen Autors, erscheint es auf Deutsch. Die drei Hauptqualitäten, die einen Großteil von Nessers Gesamtwerk ausmachen, sind schon deutlich in diesem Roman sichtbar:

Eine raffiniert aufgebaute Geschichte, die sich auf mehreren Zeitebenen entfaltet. Eine klare, treffsichere Sprache. Eine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die essentiellen Grundfragen des Lebens einlädt.

Zurück zum Inhalt: Nach dem Verschwinden der Frau verzweifelt der Mann. Er kann sich nicht erklären, warum sie ihn verlassen hat. Er sucht Erklärungen, rekonstruiert das Kennenlernen, analysiert ihr Verhalten. „Ich bin dabei, den Verstand zu verlieren“ notiert er. Doch dann spürt ein Detektiv die Frau auf, und die beiden Liebenden verbringen drei wunderbare Tage miteinander. Anschließend verabschiedet sich die Frau erneut, und der Mann bleibt verstört zurück. Später wird er noch zweimal die Frau treffen, aber noch Jahre danach fragt er sich, ob diese Begegnungen wirklich stattgefunden haben.

Håkan Nesser gibt nur Teile der Geschichte preis, und er streut gekonnt mysteriöse Andeutungen in seinen Plot. Er schreibt mit Unschärfen, die Raum für Spekulationen lassen. Die Grenzen zwischen der Romanrealität und den Erinnerungen und Wahrnehmungen des Mannes verschwimmen. Existierte die Frau überhaupt? Gibt es Dinge im Leben, die nur ein einziges Mal vorkommen oder zu schön sind um wahr zu sein? Nesser lotet die Zusammenhänge zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen Gedanken und Handlungen aus. Seine Hauptfigur, der verzweifelte Mann, hofft, durch den Schreibakt über seine Liebe des Lebens zur Ruhe zu kommen und Frieden zu finden. Doch die Wanderung im Vergangenen wirft neue Fragen auf.

Fazit: Einer der besten der mehr als 35 Romane des gewitzten Geschichtenerzählers. Herzlichen Glückwunsch zum 70., Herr Nesser!  

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