Die Serpentinenreise

„Ich wollte, dass der Junge keine Angst hatte. Ich wollte das er sich später erinnerte. Deshalb war ich hier, mit ihm, nur wir beide. Ein Vater musste gute Erinnerungen schaffen. So etwas wie die Fahrten durch die Serpentinen.“

Ein Mann steuert gut gelaunt ein Auto, und neben ihm sitzt: Sein Sohn. Sie sind auf einem Road Trip, kurven durch Europa, nehmen Kurs auf die Familiengeschichte. Denn der Vater möchte, dass sein Sohn die Wahrheit erfährt über seine Eltern und Großeltern. Etwa, dass sich drei männliche Vorfahren das Leben nahmen: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.“ Oder ganz grundsätzlich: Dass sich hinter den glänzenden Fassaden des bürgerlichen Lebens oft Dramen und Lügen befinden.

In „Serpentinen“ (Ullstein) erzählt Bov Bjerg vom Versuch, es besser zu machen als vorherige Generationen, und vom Wunsch, mit sich und seiner Familie ins Reine zu kommen. „Vielleicht war es möglich, sich zu befreien“ schreibt der „Auerhaus“-Autor, und tatsächlich: Die Reise zu den Schauplätzen seiner Kindheit schafft Klarheit und Unabhängigkeit, sowohl beim Vater als auch bei seinem Sohn.

„Um was geht es?“ fragt der Junge immer wieder während der Fahrt. „Es geht darum sich in die Kurve zu legen“ antwortet sein Vater einmal, und er fährt zu seinem Geburtshaus, zu den Dörfern, Wäldern, Burgruinen seiner Kindheit. Der Soziologe zeigt seinem Sohn Friedhöfe, besucht mit ihm seine Mutter im Pflegeheim. Er stellt sich der Vergangenheit und ist bereit, alles offenzulegen.

„Ich wollte die Legenden nicht mehr hören, den Selbstbetrug, dass Familienbla. Ich würde Verantwortung übernehmen ich würde meinen Sohn nicht im Stich lassen. Ich würde ihm alles ersparen.“

Bov Bjerg hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Es ist lebendig und abwechslungsreich, ironisch und witzig, aber auch still und berührend. Bjerg schildert kurze Sequenzen der Autofahrt, springt an verschiedenste Schauplätze, reichert die Handlung mit Dialogen und Rückblicken an, und fügt all diese Eindrücke zu einer tragikomischen Chronik einer Aufarbeitung.

„Ich wollte eine Landkarte, auf der man sehen konnte, wohin der Urin floss, wenn man in den Garten pinkelte. Auf der die bunten Flächen keine Staaten zeigten, sondern die Einzugsgebiete der Ströme. Wo die gestrichelten Linien keine Grenzen markierten, sondern Wasserscheiden.“

 

 

 

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