Die sagenhaften Reisen der Literaturnobelpreisträgerin

Dieses Buch ziert eines der schönsten Cover der vergangenen Jahre. Zudem steckt dahinter das aktuelle Werk der neuen Literaturpreisträgerin. Ausgezeichnet mit dem Man Booker International Prize 2018. Es ist also höchste Zeit, es zu erkunden.

Als „Roman“ wird „Unrast“ (Kampa) von Olga Tokarczuk bezeichnet. Doch diese außergewöhnlichen 464 Seiten stellen etwas ganz anderes dar: Eine bunte Sammlung von Geschichten, Notizen, Gedanken, Mythen und Begegnungen, die alle etwas mit dem Reisen zu tun haben – im weitesten Sinne. Tokarczuk hat einen verspielten, kreativen, klugen Mix zubereitet. Eine literarische Schatzkiste, die niemals auf der Stelle steht. Die Ich-Erzählerin der meisten Texte schöpft ihre Energie aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Brummen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen, und aus den eigenen Schritten beim Wandern. Sie liebt es, unterwegs zu sein. Und sie steht zu ihrer Unrast:

„Mir wurde klar, dass, allen Gefahren zum Trotz, das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird, als das, was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auslösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann.“

Die unentwegt, aber stets ruhig Reisende arbeitet in Gelegenheitsjobs. Sie ist Kellnerin, Zimmermädchen, Kindermädchen, Garderobiere, Pädagogin, Beraterin, und sie studiert Psychologie. Tiefe Einblicke verschaffen der Frau ihre Begegnungen. Mit Trampern in Island, die sich nachts bei Eiseskälte an der warmen Erde erfreuen. Mit einem gestrandeten australischen Walfisch. Mit einer Familie in einem Haus ohne Vorhänge in Holland. Mit James Cook, 1769 in Neuseeland. Mit einem antiken New Yorker Amphitheater. Mit einem Geschäftsmann am Bodhi Baum in Indien, der Geburtsstätte Buddhas. Mit einer Reisepsychologin auf einem Flughafen.

„Ich glaube es gibt viele, die so sind wie ich. Entschwundene, Abwesende“, behauptet die Erzählerin. Doch Olga Tokarczuk und ihre Protagonistin sind das Gegenteil von abwesend. Sie beobachten wach, neugierig, offen und interessiert, was in den Welten passiert, in denen sie zu Gast sind. Überall entdecken sie Erstaunliches, Alltägliches, Liebevolles und Verstörendes. Auf einer kleinen kroatischen Insel, an Postkartenständern in Rom, mit Wachsfiguren in Wien, im Schlafwagen mit Menschen, die Angst vor dem Fliegen haben. Tokarczuk und ihr vermeintliches Alter Ego werten nicht, worüber sie schreiben. Klarsichtig und fragend, amüsiert und lächelnd, fangen sie Eindrücke ein. Die Hauptfigur gesteht, dass sie eigentlich nur reist, um die „Fehler und Reinfälle der Schöpfung“ aufzuspüren. Kuriositäten und Sackgassen. Doch sie hat auch ein Auge fürs Normale, etwa für Wohnwagentouristen, die im Grunde genommen nur reisen, um wieder heimzukehren.

Je mehr wundersame, wunderbare Geschichten Tokarczuk zusammenträgt, und je mehr Ihre Leser*innen über nahe und ferne Welten erfahren, desto mehr fügen sich die einzelnen Eindrücke zu einer Erkenntnis: Es ist egal, wo wir sind. Hauptsache, wir sind. Da oder dort, was spielt das für eine Rolle? Und noch etwas Entscheidendes erfährt die Reisende im Buch:

„Es gibt zu viel Welt. Man müsste sie verkleinern, nicht weiter und größer machen. Man sollte sie wieder in eine kleine Dose stopfen, in ein mobiles Panoptikum, dass man nur Samstag nachmittags anschauen dürfte, wenn die Tagesarbeit getan, die saubere Wäsche vorbereitet ist, die gestärkten Hemden auf der Stuhllehne hängen, die Böden gescheuert sind und der Streuselkuchen zum auskühlen auf der Fensterbank steht.“

Habe ich schon erwähnt, dass ich dieses Buch liebe?

4 Gedanken zu “Die sagenhaften Reisen der Literaturnobelpreisträgerin

  1. Nach Verkündung des Preises habe ich mir rausgesucht, mit welchem Buch ich meine Wissenslücke stopfen kann – ich habe von Olga Tokarczuk nämlich noch nichts gelesen. Meine Wahl fiel auf „Unrast“, und das wartet jetzt hier darauf, dass ich es auch bald mal lese… Ich bin gespannt, diese Rezension macht die Vorfreude direkt noch größer.

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