Im Interview: Harry-Potter-Illustrator Jim Kay

Vor vier Jahren startete Harry-Potter noch einmal von vorne: die erfolgreichste Buchreihe der Welt erscheint seitdem auch in farbig illustrierten Schmuckausgaben im Großformat – jedes Jahr ein neuer Bildband. Für den englischen Illustrator Jim Kay entwickelte sich dieser Auftrag zur größten Herausforderung seiner Karriere. Der 45-jährige studierte Illustration an der University of Westminster und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Vor kurzem ist der vierte von Kay illustrierte Band erschienen, „Harry Potter und der Feuerkelch“ (Carlsen). Hier Auszüge aus meinem Gespräch mit dem sympathischen Briten:

Welche Figur aus den Harry-Potter-Büchern zeichnen Sie am liebsten? Der Halbriese Hagrid ist mein absoluter Favorit. Ich liebe seine wilden Locken und seinen Rauschebart, und wie all das zusammenwächst. J.K. Rowling hat ihn als 3,51 Meter groß beschrieben, und diese Größe ist für einen Illustrator eine enorme Herausforderung.

Warum? Sie können sich doch so viel Platz nehmen, wie Sie wollen. Das schon, aber alles um Hagrid herum muss ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Auf einem Bild von mir räkelt sich ein enormer Hippogreif auf dem Bett in Hagrids Hütte, und ich fragte mich beim Zeichnen: Wie kann ich diese unglaublichen Ausmaße verdeutlichen? Die Lösung: Ich platzierte zwei ganz normale Hühner ins Bild – diese wirken nun allerdings wie geschrumpft, weil Hagrids Hütte und der Hippogreif gigantisch sind.

In den Verfilmungen wird Hagrid von Robbie Coltrane gespielt. Durften Sie sich beim Illustrieren von ihm und den anderen Schauspielern lösen? Zum Glück ja! Ich sollte und wollte für die Schmuckausgaben ganz eigene, neue Bilder von den Figuren machen. Was nicht leicht war, denn früher, beim Lesen der Bücher und später beim Anschauen der Filme hatte ich ja schon zwei Mal Vorstellungen von der Potterwelt entwickelt. J.K. Rowling hat durch ihre Beschreibungen viel vorgegeben, besonders bei Harry; das habe ich selbstverständlich übernommen. Aber bei einigen Figuren blieb ein kreativer Spielraum, und den habe ich voller Freude genutzt.

Um wen ging es, und wie sind Sie dabei vorgegangen? Der Zauberer Severus Snape basiert in meinen Illustrationen auf meinem guten Freund David. Ich fand, dass er optisch perfekt zur Figur Snapes passt, vor allem wegen seiner tieftraurigen Augen. Nun sehe ich immer David, wenn ich Snape sehe, und nicht mehr Alan Rickman, der ihn in den Verfilmungen spielte.

Ihre Hermine Granger unterscheidet sich ebenfalls. Die Darstellerin Emma Watson erkennt man kaum in Ihren Illustrationen. Stimmt. Bei Ihr habe ich mich nach meiner Nichte gerichtet. Noch lustiger wird es bei Familie Weasley: Molly, die Mutter, basiert auf einer Bekannten. Und zwei von Mollys sieben Kindern sehen so aus wie die beiden realen Kinder dieser Frau. Für mich hat das Illustrieren nach echten Vorbildern zwei entscheidende Vorteile: Ich habe ein reales Modell, und ich kann das Altern der Figuren in der Wirklichkeit beobachten. Das ist wichtig, denn die sieben Potter-Bände umfassen ja eine große Zeitspanne. Drei habe ich noch vor mir.

Womit und worauf zeichnen Sie Ihre Originale? Meistens mit einfachen Bleistiften auf großen Papierbögen. Die ersten Entwürfe sind fast alle schwarz-weiß, oft 20, 30 Stück, bevor ich mir sicher bin. Erst später verwende ich Farben, und dabei bevorzuge ich einfache Wand- und Fassadenfarben. Obwohl ich auch mit dem Pinsel arbeite, bin ich aber eigentlich der Skizzentyp, der pausenlos Ideen aufs Papier kritzelt und sie immer wieder verwirft und verbessert. Das geht oft stundenlang so, bis in die Nacht und manchmal auch bis zum Morgen. Ich bin sehr selbstkritisch und so gut wie nie mit den ersten Versuchen zufrieden.

Setzen Sie beim Illustrieren auch digitale Technik ein? Zur Sicherheit, ja. Viele Varianten meiner Bilder speichere ich ab, um zu vorherigen Stadien zurückkehren zu können, wenn ich am Originalbild so weitergearbeitet habe, dass es mir nicht mehr gefällt. Es beruhigt mich zu wissen, dass es alles noch einmal gibt. Selbstverständlich illustriere ich auch digital, aber das sind eher Ausnahmen. Manchmal erzielt man damit großartige Effekte: Den Hirsch namens Krone, Harrys verwandelten Vater, malte ich erst auf Papier, digitalisierte ihn anschließend und reproduzierte ihn als Negativ. Das ergab einen geisterhaften, unheimlichen Ausdruck. Genau so silbern und schimmernd, wie J.K. Rowling ihn beschreibt.

In welcher Verbindung stehen Sie zu J.K. Rowling? Wir schreiben uns ab und zu Briefe oder Mails, um Details zu klären, aber ansonsten kommuniziere ich mit ihrem Verlag. Es ist überwältigend, dass J.K. Rowling mich für diese Aufgabe ausgewählt hat. Ihr Briefkopf wird übrigens tatsächlich von einer goldenen Eule geschmückt.

 

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