Ein literarisch analysierter Ehebruch

Sie haben nur 36 Stunden miteinander. Auf einer kleinen Insel im Mittelmeer, im Sommer. Also nutzen sie die Zeit. Erri und Clementina stürzen sich aufeinander, mit schwindelerregender Lust. Sie nehmen sich vom anderen, was sie können, und sie genießen es. Sie erleben ihre Nacktheit „als idealen Seinszustand“, und dennoch fragen sie sich immer wieder: Was tun wir hier eigentlich? Denn sie sind verheiratet, durchaus glücklich. Aber eben nicht mit einander.

Eduardo Albinati, einer der bekanntesten italienischen Gegenwartsautoren, erzählt in seiner Novelle „Ein Ehebruch“ (Berlin Verlag) von Betrug und Liebe, von Lüge und Leidenschaft. Albinati beobachtet Erri und Clementina einfühlsam und bestechend klar wie ein Paartherapeut. Er registriert kleinste, feinste Stimmungswechsel seiner Figuren und nimmt abwechselnd deren Perspektiven wahr. So entsteht ein vielschichtiges, realistisches Bild des Ehebruchs. Und Albinatis Prosa glitzert wie die Wasseroberfläche rund um die Insel des Betruges im Sonnenlicht.

Der 37-jährige Mann und seine 29-jährige Begleiterin haben sich erst vor drei Wochen kennengelernt. Was zieht einen hin zu einem Menschen, den man eigentlich kaum kennt? Und was wird aus so einem Begehren, so einer Liaison? Erri und Clementina ahnen bisweilen, dass aus ihrem Liebestaumel eine Last werden könnte. Sollen sie sich also besser nie wiedersehen? Ihr Verlangen und der praktizierte Betrug verändern ihre Sicht auf sich selbst, auf ihre Ehen und ihre Kinder. Plötzlich müssen sie das lernen: Zu lügen und zu betrügen. Indessen: Können sie das, und wollen sie das, auch in Zukunft?

Auf nur 122 Seiten behandelt Eduardo Albinati alle relevanten Fragen rund um einen Ehebruch. Poetisch, philosophisch und erotisch erzählt er von der kurzen, rauschhaften Reise seiner Protagonisten, die keinen von beiden retten oder heilen kann. Denn so sehr Erri und Clementina in diesen 36 Stunden einander haben und besitzen wollen, so sehr spüren sie auch: Behalten wollen oder können sie sich nicht.

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