Im Interview: Doris Dörrie

Seit vielen Jahren ist Doris Dörrie eine meiner Wunsch-Interviewpartnerinnen. Nun hat es geklappt – ich traf die Filmemacherin und Schriftstellerin in einem Schwabinger Café. Wir sprachen über ihre Berufung in die Oscar-Jury, ihre Kindheit, ihr Studium in den USA, ihre Faszination für Japan und ihr neues Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ (Diogenes). Hier Auszüge aus dem Gespräch, über das ich u.a. für WAZ, Südwest Presse, Abendzeitung, Sächsische Zeitung und Nürnberger Nachrichten geschrieben habe.

Der Titel Ihres neuen Buches impliziert, dass das Schreiben ein Grundbedürfnis ist. Könnten Sie leben, ohne etwas zu Papier zu bringen? Nein. Das ist tatsächlich ein existenzielles Grundbedürfnis, so wie das Lesen. Denn schreibend und lesend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder aufs Neue. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern.

Was genau passiert bei Ihnen in diesem Prozess? Das ist ein großes Abenteuer. Zu schreiben bedeutet, sich aus dem kleinen ordentlichen Garten mit gemähtem Rasen und Blumenrabatten herauszuwagen in den Dschungel. Ich gehe raus, beobachte, staune und erlebe, und notiere das. Indem ich meine Erlebnisse in Sprache fasse, verankere ich mich selbst mehr im Leben. Ich kann das nur jedem empfehlen: Wer schreibt, bekommt eine Ahnung von sich selbst. Und das ist wunderbar.

Hatten Sie schon als Kind das Talent zum Schreiben? Zunächst nicht. Alle anderen konnten es, nur ich nicht. Ich war Linkshänderin und mühte mich mit allem ab. Doch in der dritten Klasse änderte sich alles. Ich wurde für den Vorlesewettbewerb ausgewählt, genoss diesen Auftritt und bekam prompt den ersten Preis. Seitdem weiß ich: Ich bin eine Rampensau.

Wie kam es zu dieser Verwandlung? Es ist ein kleines Wunder passiert. Zum einen war es ein unglaublicher Kick zu merken, wie Geschichten Menschen in den Bann schlagen können. Ich spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte, wie aus Worten Bilder wurden und wenige Sätzen eine ganze Welt heraufbeschwören konnten. Das hat mich umgehauen. Rückblickend habe ich mich als Kind völlig in Märchenwelten und Geschichten verloren, so wie alle Kinder.

Wann und wo schreiben Sie am liebsten? Im Bett, gleich nach dem Aufwachen. Die Zähne habe ich dann schon geputzt, und einen Becher Kaffee neben mir. Der noch leicht somnambule Zustand hilft, Blödsinn zu schreiben, überhaupt zu schreiben. Wenn ich aufstehe, mich wasche und anziehe, ist es vorbei.

Wann wird aus Ihren privaten Beobachtungen ein Film oder ein Buch? Die Übergänge sind fließend. Ich bin eine Flaneuse, die Lust am Aufsaugen der Welt und am Wiedergeben des Erlebten hat. Manche Figuren, die ich aufschreibe, wollen zum Film, manche nicht. Manchmal starte ich mit einer Prämisse, wie bei „Grüße aus Fukushima“ – den Ort wollte ich filmisch beschreiben, und die Figur der jungen Deutschen gab es schon in anderen Geschichten von mir als Vorstufe. Aber erst einmal lasse ich mich beim Schreiben vom allem inspirieren, selbst von fremden Einkaufszetteln, die ich sammle.

Es scheint, als seien Sie ein Mensch, der spontan auf Dinge stößt und sich auf neue Begegnungen einlässt. Da ist etwas dran. Ich versuche, immer wieder möglichst offen zu sein und Dinge an mich herankommen zu lassen. Wir haben viel zu oft den Impuls uns zu verschließen, und das ist fatal, das verhindert Kommunikation und macht einsam.

Haben Sie sich diese Grundeinstellung schon während Ihres Studiums in den USA angeeignet? Vielleicht ist dafür eher meine Neigung zu buddhistischen Sichtweisen verantwortlich. Aber die USA war natürlich sehr entscheidend für mich; ich habe dort eine unglaubliche Freiheit empfunden. Vieles, was jetzt wieder ein großes gesellschaftliches Thema ist, wurde damals schon heiß diskutiert: Konsumkritik, ökologische Aspekte, das Hinterfragen von Machtstrukturen. Im Gegensatz zu Deutschland habe ich mich in den USA dauernd ermuntert gefühlt, auch beim Schreiben. „Just do it!“ war das Motto. Das war eine große Befreiung für mich. Diese prinzipielle Ermunterung versuche ich weiter zu geben.

Später entdeckten Sie Japan für sich und waren inzwischen mehr als 30 Mal dort. Inwiefern hat dieses Land Sie geprägt? Für mich war der erste Besuch der wichtigste. Dieser Schock, mich nicht mehr über Sprache verständigen zu können, nichts mehr lesen zu können, auf einen Schlag völlig auf mich zurückgeworfen zu sein – das hatte eine euphorisierende Wirkung. Ich war verdonnert dazu, genau zu beobachten und registrieren, was vor sich geht. Diese Notwendigkeit hat mir viel gebracht und letztlich zu Filmen wie „Kirschblüten – Hanami“ geführt.

Ab nächstem Jahr dürfen Sie über die Vergabe der Oscars mitbestimmen. Wie haben Sie von dieser Ehre erfahren – gab es einen Anruf der Academy of Motion Picture Arts and Sciences? Ganz im Gegenteil. Mein Mann hatte im SPIEGEL von meiner Berufung gelesen und mir erzählt, ich dachte, das wäre eine Falschmeldung oder ein Witz. Denn ich wusste von nichts. Wochen vergingen, auch andere Medien berichteten darüber, und so fragte ich nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Academy meine Mailadresse falsch geschrieben hatte.

Wie stehen Sie grundsätzlich zum Oscar? Ihre Filme scheiterten mehrmals in der Vorauswahl zum Auslandsoscar.  Da ich kaum Nazis in meinen Filmen habe, ich das auch nicht verwunderlich. Aber im Ernst: Die Frage ist, ob man demokratisch über die Qualität eines Kunstwerks entscheiden kann. Meistens gibt es einen kommerziellen Kompromiss, und das bedeutet, dass so begeisternde Filme wie „Moonlight“ die Ausnahme bleiben. Man darf auch nicht vergessen, dass Hollywood eine Industrie ist. Dort werden Produkte hergestellt, reproduzierbare Waren. Für Kunst ist da nicht viel Platz.

5 Gedanken zu “Im Interview: Doris Dörrie

  1. Ein feines Interview mit einer sympathischen Frau, deren Werke ich eh schätze. 🙂
    Die Sache mit dem Kaffeebecher neben dem Bett am Morgen kenne ich, schmunzel. Herrlich und gut nachvollziehbar für mich!

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