Die mysteriöse Bedeutung von Hochzeitsfotos

„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhanden gekommen sein.“

Franz wächst in den Bergen Tirols auf. Seine Eltern betreiben einen Gasthof und richten Hochzeiten aus – Franz fotografiert die glücklichen Paare. Doch er zweifelt an der Wahrheit und Einzigartigkeit dieses „schönsten Augenblicks des Lebens“. Die immer gleich inszenierten Feiern und Fotos scheinen das Glück nur vorzugaukeln. Und tatsächlich: nach einer der Hochzeiten stürzt nachts eine frisch getraute Braut den Berghang hinunter und stirbt; zuvor hatte sie Streit mit ihrem betrunkenen Ehemann. Dieser tragische Moment geht Franz nicht aus dem Kopf, ebenso wenig wie der nächtliche Spaziergang mit einem Mädchen namens Sarah, in die er sich verliebte, und die er aus den Augen verlor.

In feiner, präziser Prosa porträtiert der Österreicher Norbert Gstrein in „Als ich jung war“ (Hanser) einen jungen Mann, der spürt, dass er sein Glück woanders suchen muss. Franz zieht nach Wyoming in den USA und arbeitet dort als Skilehrer. Einer seiner Schüler ist ein Professor, der Franz Komplimente macht und über sieben Jahre hinweg immer bei ihm Unterricht nimmt. Bis er schließlich Selbstmord begeht. Franz ist erschüttert über diesen zweiten Todesfall in seiner unmittelbaren Nähe. Welche Geheimnisse und Sorgen hatte der Professor, und warum stürzte die Braut in den Tod? Haben die beiden Ereignisse etwas mit ihm zu tun? Stecken hinter Menschen und Fotos doch immer ganz andere Geschichten, als diejenigen, die erzählt werden?

Diese Fragen umkreist Norbert Gstrein gleichermaßen einfühlsam und unterhaltsam, auf hohem sprachlichen Niveau. Sein kunstvoll komponierter Roman sucht auch nach einer Definition von Heimat und nach dem angemessenen Umgang mit einer unerfüllten Liebe. Franz, die sympathische, suchende Hauptfigur, kehrt schließlich zurück nach Österreich. Ob er dort endlich Gewissheit und Orientierung findet? Und vielleicht doch noch einmal auf Sarah trifft? Norbert Gstrein schickt seinen Protagonisten auf einen verschlungene Weg mit vielen Überraschungen. Der 58-jährige Autor formuliert lange, unaufdringliche Sätze, deren Ruhe und Kraft wohl nicht zufällig an die Berge Tirols erinnern.

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