Oha, Oma!

„Dass auch meine Großmutter eine Frau war, kam mir nicht in den Sinn.“

Nein, eigentlich darf es so eine Oma nicht geben. Nicht im wahren Leben, und nicht in der Literatur. Doch in Alina Bronskys neuem Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ (Kiepenheuer & Witsch) spielt eine übergriffige, überhebliche Person die Hauptrolle. Sie höhnt und stöhnt, schimpft und manipuliert. Überall wittert sie Keime und Bakterien, alles muss desinfiziert werden. Und sie macht ihrem Enkelkind Max das Leben zur Hölle. Für sie ist er ein Dummkopf und eine Plage, und das behauptet sie ganz offen.

Max erzählt aus seiner kindlichen Perspektive von den Schikanen seiner Oma, und das macht den besonderen Reiz dieses bitterbösen, urkomischen Romans aus. Da die Handlung in einem deutschen Flüchtlingsheim spielt (die Großeltern wandern aus Russland ein), bekommt die skurrile Geschichte einen gesellschaftspolitischen Rahmen. Bronsky erzählt auf sehr witzige Weise vom Ankommen und Eingewöhnen in einem fremden Land. Und von Vorurteilen gegenüber der neuen Heimat. Die argwöhnische Großmutter findet nahezu alles schlimm an Deutschland, und sie gibt vor, ihren Enkel beschützen zu müssen: Vor deutschen Ärzten und Schulen, vor türkischen und arabischen Mitschülern, und vor allem vor Juden. Dass sie selbst vorgibt, aus einer jüdischen Familie zu stammen, um ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen, ist ihr dabei egal.

Die Großmutter widerspricht sich permanent, und sie behauptet Dinge, von denen sie keine Ahnung hat – das lernt ihr Enkel schnell. Mit schwarzem Humor und köstlicher Situationskomik berichtet Alina Bronsky vom kleinen Max, der seine Oma durchschaut. Zunächst eingeschüchtert, fällt es dem Jungen schwer, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Doch je mehr er sich von seiner herrischen Großmutter löst, umso mehr findet er seinen eigenen Weg. Einen Großvater gibt es übrigens auch noch, aber er steht in der familiären Befehlskette ganz unten; trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sorgt er für einen Skandal, den Max schneller begreift als seine Oma.

Alina Bronsky zeigt erneut ihr großartiges Gespür für skurrile Figuren, die man trotz ihrer Ruppigkeit und Unverschämtheit liebgewinnen kann. Der lakonische Ton ihrer Geschichte täuscht; dahinter steckt ein warmherziger Blick auf Menschen mit seltsamen Verhaltensweisen.

„Ich hatte nie Freunde gehabt, was ich normal fand, denn auch meine Großeltern hatten keine.“

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