Muscheln sammeln, Kochen, Reimen, aufs Meer schauen…

Muscheln und Treibholz sammeln. Reimen. Ein Feuer im Kamin entzünden. Kochen. Sich gegenseitig Fragen stellen und beantworten. Oder einfach nur dasitzen, aufs Meer schauen und nichts tun.

Wie befriedigend und beruhigend es sein kann, ein einfaches Leben zu führen, davon erzählt William Saroyan in „Tja, Papa“ (dtv). Sein kurzer, herzerwärmender Roman ist eine Liebeserklärung ans Meer, ans Schreiben und an an seinen zehnjährigen Sohn. Die aus der Sicht eines Zehnjährigen erzählte Geschichte erschien schon 1957; nun liegt sie erstmals auf Deutsch vor – zum Glück. Denn in unserer Zeit der Reizüberflutung, des Internets und Smartphones entfaltet dieser entschleunigte Roman eine äußert wohltuende, anregende Wirkung. Fast wie ein Meditationsretreat.

In kurzen, klaren Sätzen und mit vielen Dialogen erzählt William Saroyan von Pete und seinem Papa, die in einem einfachen Strandhaus in Malibu leben. Sie haben kaum Geld, aber viel Zeit, viel Verständnis, und viel Mitgefühl. Und sie haben eine Idee: Warum sollte nicht Pete einen Roman schreiben, nachdem sein Vater unter einer Schreibblockade leidet? Sein Sohn will zwar eigentlich lieber zum Mond fliegen oder einen großen Fisch angeln, aber er interessiert sich auch fürs Schreiben. Und für alles, was man erleben kann, um später darüber in einem Roman zu berichten. Also fragt Pete seinen Vater, warum er das Meer so liebt, was Gott ist, wie man mit einfachsten Mitteln kocht und viele andere Dinge, die den Alltag der beiden sympathischen Figuren bestimmen. Liebevoll und klug antwortet der Schriftsteller, und er schärft das Bewusstsein seines Sohnes für Achtsamkeit.

„Alte Zeitungen sind das beste Tischtuch überhaupt. Beim Essen schaut man sich die Sachen an, die darin stehen, und wenn man fertig ist, knüllt man das Tischtuch einfach zusammen und wirft es in den Kamin.“

William Saroyan, der für ein Theaterstück den Pulitzerpreis und für ein Drehbuch einen Oscar bekam, hat mit seiner bodenständigen Vater-Sohn-Geschichte einen Klassiker geschrieben. Ein zeitloses Buch, das die wahren Werte des Lebens in den Mittelpunkt stellt – ohne Verklärung und Kitsch. Pete, der Zehnjährige, plant, eine Sprache zu finden, in der man nicht lügen kann. Und sein Vater kocht „Schriftstellerreis“, mit allen Resten, die sich in der Küche finden lässt. Wenn die beiden zusammen essen oder mit ihrem kleinen roten Ford nach Half Moon Bay und San Francisco fahren, möchte man am liebsten dabei sein. Und sich freuen, wie einfach das Glück des Augenblicks zu finden ist.

2 Gedanken zu “Muscheln sammeln, Kochen, Reimen, aufs Meer schauen…

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