Im ICE

„Mietskasernen, Kriegerdenkmäler. Kreisverkehre. Rehe.“

Das ist die Welt draußen, hinter Glas. Drinnen, im ICE, eine ältere Frau. Sie lebt in Zügen. Mit einer Bahncard 100, einer Tasche mit dem Nötigsten. Albrecht Selge nimmt in „Fliegen“ (Rowohlt) den besonderen Blick der Bahnfrau auf, und er sieht mit ihr auf Deutschland. Auf Freundlichkeit und Feindseligkeit.

Dabei ist eine rasante literarische Reise ohne Ziel herausgekommen, ein fliegender, funkelnder Roman. Kurz und prägnant, voller schneller Eindrücke, genauer Beobachtungen. Momentaufnahmen einer Außenseiterin, die immer mittendrin sitzt im Großraumabteil. Fährt sie ihrem Leben davon? Oder hinterher? Sieht sie mehr von der Welt, von sich, als wir? Diese Fragen stellt man sich beim Lesen, denn Albrecht Selge wertet nicht. Er zeigt sie nur, die Frau, die früher einmal eine Wohnung hatte, einen Beruf, einen Mann. Die Frau, die sich abgrenzt und gelegentlich ausgegrenzt wird. Sie schaut hinaus in die Landschaft, und hinaus ins eigene Leben, und es ist faszinierend, mit ihr zu reisen.

„Auf einmal das ganze Großraumabteil am Kauen, lauter Wiederkäuer auf einer Zugweide.“

2 Gedanken zu “Im ICE

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