Lieben und Leiden

Schon die ersten zwei Sätze zeigen, worauf Julian Barnes in seinem neuen Roman „Die einzige Geschichte“ (Kiepenheuer & Witsch) hinaus will:

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

Um diese Frage beantworten zu können, erzählt Barnes Protagonist Paul die Geschichte seiner ersten Liebe. Paul ist inzwischen 70 Jahre alt, und er blickt zurück. Beschwingt, voller Zärtlichkeit und Begeisterung schildert er, wie er sich als 19-jähriger in die Beziehung mit der 48-jährigen Susan stürzt.

„Ich lieferte mich der ersten Liebe einfach in all ihren Erscheinungsformen aus, von Schmetterlingsküssen bis hin zum Absolutismus. Alles andere zählte nicht.“

Doch bestimmt die Stärke des Gefühls das Ausmaß des Glücks? Das fragt sich Paul viele Jahre später. Julian Barnes ist ein großartiger Erzähler, der weiß, wie man Neugier weckt und stillt, wie man Identifikation mit Figuren herstellt, wie man zum Nachdenken anregt, zu Tränen rührt. Letzteres geschieht im zweiten Teil häufig, denn die Liebe zwischen Paul und Susan gerät in Gefahr. Durch Alkohol. Durch die Unmöglichkeit, das Leben im Gleichgewicht zu halten. Durch Mut und Feigheit. Durch die Traurigkeit des Lebens. Von alldem erzählt Barnes klug und reflektierend, rührend und realistisch.

In „Die einzige Geschichte“ wird sich jeder wieder erkennen, der schon einmal von der Liebe herumgewirbelt worden ist. Es ist ein feinsinniges Buch darüber, „…was es bedeutet, wenn einem das Herz bricht, und wie genau ein Herz bricht, und was dann noch davon übrig ist.“

Philosophische Beziehungsbetrachtungen rund um die Frage, wie uns die eine Liebe für den Rest des Lebens prägt. Ein Meisterwerk.

3 Gedanken zu “Lieben und Leiden

  1. Der exzellente Stilist Julian Barnes hat mich bisher nie enttäuscht – ein moderner Klassiker. ‚Verlust der Tiefe‘ über die eigene Trauer nach dem Tod seiner Frau und das Frühwerk ‚Flauberts Papagei‘ stechen vielleicht um einen Hauch hervor.

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