Der alte Psychiater

„Jahre der Übung halfen mir, an den richtigen Stellen zu brummen, ohne tatsächlich zuzuhören.“

Ein alter Psychiater zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand. Noch 5 Monate, 22 Wochen, 800 Gespräche. Dann ist Schluss, endlich. Und bis dahin tut er eben nur so, als höre er seinen Patienten zu. Eigentlich unverschämt, was sich die Hauptfigur in Anne Cathrine Bomanns kurzem Roman „Agathe“ (Hanser Blau) leistet. Doch man verzeiht dem alten Franzosen, der weder Freunde noch Verwandte hat. Der Psychiater hakt gedankenversunken und von Angst vor der Einsamkeit, dem Tod, seine Tage ab. Ohne Freude am Leben, ohne Anteilnahme an den Schicksalen seiner Patienten.

Bis eines Tages eine seltsame Deutsche auf seinem grünen Diwan sitzt. Die angeblich selbstmordgefährdete, herb wirkende Frau weckt langsam das Interesse des Psychiaters. Er hört ihr fasziniert zu, genießt den Duft ihres Parfums (nach Äpfeln mit Zimt, im Ofen gebacken, so wie es seine Mutter immer gebacken hat) und besucht sie zu Hause. Aus dieser freundschaftlichen Nähe entsteht Zuversicht, und die düsteren Gedanken verschwinden.

Anne Cathrine Bomann, selbst Psychologin, hat eine liebens- und lesenswerte Erzählung geschrieben. Voller Ruhe und mit feinem Gespür für menschliche Bedürfnisse.

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