Berlin, 1942

Täter oder Opfer? Stella Goldschlag war beides. Die 1922 in Berlin geborene Jüdin erklärte sich 1943 bereit, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Zuvor hatte sie vergeblich versucht, aus einem Sammellager zu fliehen und wurde gefoltert. Um ihre Eltern vor der Deportation zu schützen, arbeitete sie für die Gestapo. Goldschlags Aufgabe bestand darin, das Vertrauen untergetauchter Juden zu gewinnen und sie später zu denunzieren.

Aus dieser wahren Geschichte hat Takis Würger mit „Stella“ (Hanser) einen kurzen, eindrucksvollen Roman gemacht. Der 33-jährige Autor erzählt seine Version aus der Perspektive eines jungen, wohlhabenden Schweizers. Friedrich kommt 1942 nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er auf das Aktmodell Kristin. In Jazzclubs, auf Partys und in Friedrichs Luxushotel kommen sich die beiden näher. Zwischen Bombenalarm, Nazipropaganda und Lebensmittelrationierungen zelebriert das junge Paar seine Liebe, als gäbe es keinen Krieg und keine Judenverfolgung. Doch Takis Würger streut stichwortartig und dokumentarisch Fakten und Ausschnitte aus Prozessakten in seinen Roman.

Eines Tages gesteht Kristin Friedrich, ihn belogen zu haben. Stella sei ihr richtiger Name, und sie sei Jüdin. Friedrich akzeptiert die große Lüge und den großen Verrat seiner Frau. In knappen, schnörkellosen Sätzen lässt Takis Würger seinen Ich-Erzähler auf das Jahr 1942 zurückblicken.: „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin. Stella Goldschlag, die Greiferin, meine Frau.“ „Stella“ zeigt, wie nah Leichtigkeit und Schuld, Liebe und Verrat sein können. Ein kleiner, großer Roman.

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