Neuerscheinung · Rezension · Romane

Typisch Houellebecq!

Typisch Houellebecq. Diese unvergleichliche Mischung aus Gossenjargon und Hochliteratur.

„Schlampe“, „Schwuchtel“, „Schwänze“ – gepaart mit philosophischen Ausführungen über die fragwürdige menschliche Existenz. „Ein Stück Scheiße“, „Muschi“, „am Arsch“ – gepaart mit feinstem Lobgesang auf die Liebe und bitterbösem akademischem Abgesang auf das Abendland. All das bietet „Serotonin“ (DuMont), Michel Houellebecqs neuer Roman.

„Ich war nie etwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei“ sagt die Hauptfigur Florent-Claude Labrouste. Ein 46-jähriger Landwirtschaftsexperte, der Antidepressiva schluckt und die Schnauze voll hat vom Leben, von den Frauen, von Paris, von der EU, vom Neoliberalismus, von Behörden, von alten Nudisten, von sich selbst, vom globalen Freihandel, ach, von allem. „Meine Arbeit im Landwirtschaftsministerium widerte mich an, nebenbei bemerkt, genauso wie meine japanische Partnerin, ich machte eine schwere Zeit durch, manche bringen sich wegen weniger um.“

Mit Zynismus und Ironie lästert sich Florent-Claude Labrouste durch den Roman. Ein intellektueller Wutbürger, der überall negative Entwicklungen sieht, Ausbeutung und Kapitulation der Kleinbauern, Massentierhaltung, Missachtung der Probleme der Menschen. Ein Philosoph des Untergangs. Ein Mann ohne Illusionen oder Hoffnungen. Hinter seinem rotzig-gleichgültigen Ton steckt tiefste Einsamkeit, und Labrouste wirkt erschreckend klar in seiner Isolation. Sich selbst bescheinigt er „eine friedvolle, gefestigte Traurigkeit.“

Nur Sex könnte ihn noch retten. Doch den hat er schon lange nicht mehr. Also die Liebe? „Sie blieb das Einzige, an das man vielleicht noch glauben konnte“ – doch auch sie ist Labrouste abhanden gekommen. Sehnsüchtig erinnert er sich an Claire, Kate und Camille, und er weiß, dass er selbst schuld daran ist, dass er seine geliebten Frauen verloren hat.

Michel Houellebecq hat einen düsteren, pessimistischen Roman geschrieben. Viele Elemente dieses Buches kennen seine Leser bereits, es ist der typische Houellebecq-Ton, die typische Houellebecq-Hauptfigur. Und dennoch ist es auch ein sehr aktueller, wacher Roman. Eine unterhaltsame, spannende Provokation von höchster literarischer Qualität. Houellebecq eben.

 

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