Neuerscheinung · Rezension · Romane

Jerusalem, 1946

Ein alter Peugeot tuckert 1946 durch die Straßen Jerusalems. Ein Taxi, und am Steuer sitzt Jossi. Der lettische Holocaust-Überlebende fährt Touristen zu den Sehenswürdigkeiten und erzählt Anekdoten. Doch Jossi ist ein schwermütiger Mann, der alles verloren hat: Seine Heimat, seine Frau, seine Familie. In Jerusalem möchte er eigentlich nur überleben. Und vergessen. Doch schon kurz nach seiner Ankunft tun sich neue Abgründe au

„Sein altes Leben war vorbei, sein neues ein Scherbenhaufen und Schwindel“ schreibt US-Autor Stewart O’Nan in „Stadt der Geheimnisse“ (Rowohlt). Denn Jossi unterstützt eine zionistische Untergrundorganisation – als Gegenleistung dafür, dass sie ihm den Neustart und das Taxi finanziert. Die gewalttätige Gruppe kämpft gegen die britische Mandatsregierung von Palästina und für einen unabhängigen jüdischen Staat Israel. Ab und zu bekommt Jossi streng geheime Aufträge. Mal soll er eine Bombe oder Pistole transportieren, später einen Zug überfallen oder Gleise sprengen. Stewart O’Nan schildert diese Einsätze in einer knappen, klaren Sprache – er bleibt mit seiner Prosa so nüchtern wie Jossi selbst. Noir-Stimmung macht sich breit.

Der Roman besticht neben der bewegenden Darstellung von Jossi durch die atmosphärische Schilderung der Situation im Jerusalem der Jahre um 1945: „Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers.“ Oder: „Trotz aller Wunder war Jerusalem klein.“

Wenn O’Nan seinen traurigen Helden durch die Gassen fahren lässt, sieht man die heilige Stadt bildhaft vor sich, mit all ihren Gegensätzen und Gefahren. Ein kurzer Roman von lang anhaltender Intensität.

 

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