Neuerscheinung · Rezension · Romane

Egoismus & Kreativität

Kann man ein erfolgreicher Künstler sein und gleichzeitig ein liebevoller Vater und Ehemann? Der britisch-kanadische Autor Tom Rachman gibt mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ (dtv) eine eindeutige Antwort: Sein fiktiver Kunststar Bear Bavinsky, einer der wichtigsten modernen Maler des 20. Jahrhunderts, stellt seine Arbeit über alles. Der charismatische Künstler demütigt seine Frau und vernachlässigt seinen Sohn. „Mein wahres Leben findet nur statt, wenn ich arbeite“ sagt der Maler ohne Reue. Dass er mit dieser Einstellung nicht allein steht, zeigen geschickt in die Handlung verwebte Beispiele realer prominenter Künstler. Auch Picasso und Giacometti kannten keine Skrupel, ihre Frauen für ihre Kunst auszubeuten und zu erniedrigen.

Mit feinem psychologischem Gespür porträtiert Tom Rachman den überheblichen Künstler. Der Roman kreist jedoch nicht – wie die Kunstwelt – um Bear Bavinsky, sondern vor allem um dessen Sohn Pinch. Rachman erzählt eine mitreißende, komplexe Vater-Sohn-Geschichte, die 1955 in Rom beginnt. Bavinsky ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt, seine Frau Natalie 14 Jahre jünger und sein Sohn fünf. Die Familie führt ein privilegiertes Leben, das jedoch schon nach wenigen Jahren endet. Bavinsky zieht allein nach New York, heiratet erneut, bekommt weitere Kinder. Natalie und Pinch müssen fortan in einem heruntergekommenen Atelier wohnen. Während Natalie, eigentlich eine versierte Töpferei-Künstlerin, in Depressionen versinkt, eifert Pinch seinem Vater nach: er zeichnet. Als er Bavinsky seine Versuche zeigt, reagiert dieser abschätzig. Für Pinch bricht eine Welt zusammen, und doch strebt er weiterhin nach Anerkennung durch seinen Vater.

Tom Rachman begleitet Pinch zum Studium der Kunstgeschichte nach Kanada und Pennsilvania, und später nach London, wo er an einer Sprachschule Italienisch unterrichtet. Pinch träumt davon, eine Biografie über seinen Vater zu schreiben. Doch die Distanz zu seinem Vater wächst, als sich herausstellt, dass der Maler insgesamt 17 Kinder von mehreren Frauen hat. Bei einem Besuch in Bavinkskys Ferienhaus in Südfrankreich trifft Pinch schließlich eine Entscheidung, die sein restliches Leben und das künstlerische Erbe seines Vaters grundlegend verändert.

Eine großartige psychologische Studie über Egoismus und Kreativität! 

 

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