Neuerscheinung · Rezension · Romane

Fürsorgliche Ausbeutung

„Wie, du kennst wirklich deine Bioeltern?“ In der Welt, die Julia von Lucadou in ihrem brillanten Roman „Die Hochhausspringerin“ (Hanser) entwirft, haben echte Eltern und ihre Kinder nichts miteinander zu tun. Wer sich nach Trost, Nähe und Zuspruch sehnt, wählt in der App eines Parentbots die Mutteroption – und spricht mit einer einfühlsamen Stimme, die perfekt eine Wunschmama imitiert. Dass es sich um eine Maschine handelt, vergessen die User meist nach wenigen Minuten. Die moderne Metropole, in der sie leben, verspricht auch jenseits von „Bioeltern“ Glück: durch permanente Selbstoptimierung, vielversprechende Karriereoptionen und einen privilegierten Status.

Die Menschen haben sich voneinander entfremdet. Stattdessen sorgt Technik für ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe, wie im Film „Her“ mit Joaquin Phoenix. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist in Lucadous Vision so weit (aber realistisch) fortgeschritten, dass totale Transparenz und Überwachung ganz alltäglich sind. Alles, was man tut oder sagt, wird irgendwo registriert. Im Mittelpunkt der intensiven, atmosphärisch dichten Geschichte steht Riva, eine professionelle Hochhausspringerin. Riva ist ein Star mit Millionen Fans. Und ein Musterbeispiel für eine Frau, die es aus den vernachlässigten „Peripherien“ in die Stadt und nach ganz oben geschafft hat.

Doch plötzlich mag Riva nicht mehr. Sie stoppt ihr Training, ihre Auftritte, ihre PR-Verpflichtungen. Ihr Arbeitgeber, die Akademie für Highrise Diving, engagiert die Therapeutin Hitomi, um die Ursachen für Rivas Krise herauszufinden. Außerdem soll Hitomi so schnell wie möglich dafür sorgen, dass Riva wieder springt. Doch die Spitzensportlerin weigert sich beharrlich, sie klinkt sich völlig aus, wirkt depressiv. Ein Skandal in einer Welt, in der die Selbstoptimierung und der ständige Wille zum Erfolg wie Gesetze wirken.

Julia von Lucadou erzählt mitreißend und elegant vom Wahn, gezielt Glück, Gesundheit und Erfolg herbeiführen zu können. Sie skizziert ein System, das seine Bürger unter permanenten Druck setzt, und dabei ständig behauptet, doch nur das Beste zu wollen. Hinter dem schönen Schein, den blankgeputzten Glasfassaden und den lächelnden Gesichtern der Stadtbewohner lauern Einsamkeit, Angst, Anspannung und Depression. Grund ist ein erschreckend plausibles Prinzip der fürsorglichen Ausbeutung, nicht weit entfernt von der Welt, in der wir schon jetzt leben.

2 Kommentare zu „Fürsorgliche Ausbeutung

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