Neuerscheinung · Rezension · Romane

Augenzwinkerndes Alterswerk

Vor einer Woche ist Joyce Carol Oates 80 geworden. Wie passend: fast 80 Bücher hat die US-Schriftstellerin bis heute veröffentlicht – Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Dramen. Die ehemalige Princeton-Professorin ist zweifellos eine Literatur-Ikone, vielfach preisgekrönt, Mitglied der American Academy of Arts and Letters. Pünktlich zu ihrem Geburtstag ist Oates´ neuer Roman erschienen, „Pik-Bube“ (Droemer), ein erfrischend augenzwinkerndes Alterswerk.

Die Story: Andrew J. Rush, ein 53-jähriger Schriftsteller, schreibt biedere Thriller. Er ist seit Jahrzehnten mit derselben Frau verheiratet, hat drei Kinder und lebt ein ruhiges Vorstadtleben. Unter dem Pseudonym »Pik-Bube« verfasst er jedoch auch brutale, düstere Thriller. Zu seiner eigenen Verwunderung geht Rush das Verfassen dieser rauschhaften Gewaltfantasien leicht von der Hand. Wie im Wahn schreibt er nachts als „Pik-Bube“, um tagsüber als Andrew J. Rush sein gewohntes Leben fortzuführen. Doch die Grenzen verschwimmen, als ein Plagiatsvorwurf Rush in Bedrängnis bringt.

Die Persönlichkeit des Autors verändert sich – er neigt zunehmend zu Brutalität, Ungeduld und Arroganz. Und er verfällt dem Alkohol. All das, was der Schriftsteller nachts seinen Figuren zugedacht hat, dominiert nun sein eigenes Verhalten. Und stürzt ihn in den Abgrund.

Es ist eine besonders subtile Wechselwirkung von Literatur und Wirklichkeit, über die Joyce Carol Oates spitzfindig und schnippisch schreibt. Dass das Böse nicht nur in Andrew J. Rush, sondern auch in ihr selbst, in allen Schriftstellern, und überhaupt in den meisten Menschen steckt, daran lässt Oates keinen Zweifel. Gut möglich, dass die vielfach ausgezeichnete Autorin schon selbst erlebt hat, worüber sie mit feiner Ironie auf gerade einmal 200 Seiten nachdenkt.

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