Neuerscheinung · Rezension · Romane

Zu viele Tote

Er war überzeugt davon, die Toten reden zu hören. Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“

Was für ein bewegender, bestechender Gedanke: Die Toten eines Dorfes sprechen. Sie erzählen von ihrem Leben und Sterben. Ja, die Grundidee von Robert Seethalers neuem Roman „Das Feld“ (Hanser) weckt Hoffnungen auf eine ergreifende, hochwertige Lektüre. So wie bei den vorherigen Romanen des Österreichers, „Ein ganzes Leben“ und „Der Trafikant“.

Das einleitende Kapitel führt vielversprechend auf die Stimmen der Gestorbenen hin: Seethaler beschreibt in seiner klaren, feinen Prosa einen alten Mann, der auf einem Friedhof über die Toten nachdenkt. So weit, so gut. Anschließend erklingen die Stimmen aus den Gräbern, und leider sind es viel zu viele. Knapp 30 Personen lässt Seethaler aus dem Jenseits erzählen, in kurzen Kapiteln. Diese knappen Rückblicke wirken fragmentarisch und oberflächlich, und obwohl einige Querverbindungen zwischen ihnen bestehen, entwickelt sich keine Geschichte, entsteht keine Neugier beim Lesen. Dass die Stimmen der Toten nicht variieren, sondern allesamt in der gleichen, neutralen Prosa verfasst sind, sorgt ebenfalls für Enttäuschung.

Warum „Das Feld“ in dieser Form veröffentlich wurde, bleibt ein Rätsel. Denn Robert Seethaler ist ein großartiger Schriftsteller, das hat er oft genug bewiesen. Seinem Erfolg schadet die unbefriedigende Umsetzung einer guten Idee vorerst nicht – zur Nr. 1 in den Bestsellerlisten hat es trotzdem gereicht.

6 Kommentare zu „Zu viele Tote

  1. hm … die idee ist wirklich gut! aber.
    (ich hätte sie übrigens keinesfalls „aus den gräbern“ sprechen lassen, denn da spüre *ich* die toten am wenigsten. aber das ist wohl sehr individuell 😉 )
    interessante kritik, lieber günter, die ja dennoch ein klein wenig die neugierde auf das buch weckt.

  2. Mir ging es leider ähnlich. Keine der Figuren kam mir wirklich nahe. Schade! An die Vorgängerromane „DerTrafikant“ und „Ein ganzes Leben“ kommt Seethaler hier nicht heran.

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