Neuerscheinung · Rezension · Romane

Zwei Frauen in Neoprenanzügen

An der bretonischen Küste waten zwei Frauen ins Meer. Die eine trägt ihren Neoprenanzug in Rot, die andere in Schwarz. Ihre zweite Haut schützt Claire und Julie zwar vor der Kälte und dem Salz des Ozeans, doch ansonsten verhalten sich die Frauen ungeschützt, völlig offen. Sie geben sich hin: dem Wasser, sich selbst. Und sie sind bereit, herauszufinden, was sie wollen. Von sich, vom Leben.

In ihrem Roman „Die Schönheit der Nacht“ (Droemer) erkundet Nina George die Seelenlandschaft ihrer Protagonistinnen. Sie sucht, fragt, tastet. Sie gibt Claire und Julie den größtmöglichen Raum für ihre Entdeckungsreisen zu sich selbst, und sie beschreibt in feinster Prosa, was und wie die beiden Frauen spüren. Denn das Spüren ist es, was vor allem Claire fehlt. Die angesehene Pariser Verhaltensbiologin sehnt sich nach Lebensfeuer, nach emotionalen Herausforderungen, nach etwas anderem als dem schlichten Funktionieren. Ihr Job und das Familienleben mit Mann und Sohn können ihr das nicht mehr bieten. Aber vielleicht Julie? Die Freundin ihres Sohnes, eine Hotelangestellte? Die weiß, dass Claire in diesem Hotel mit einem fremden Mann Sex hatte? Und die eines Abends bei Claire daheim auftaucht?

„Vielleicht ist es das: die Ungerechtigkeit, dass das Einzige, was eine Frau, ein Frauenleben, zum Einstürzen bringen kann, einfach durch eine Tür hereinkommt, durch die eigene Tür.“

Nina George erzählt also auch von einer scheinbar unmöglichen Beziehung. Von den Geheimnissen, die Claire und Julie teilen. Und von den Wünschen, die sie haben. In diesem kostbaren, knisternden Roman taucht George tief ein in die Psyche ihrer Figuren. Und ins Meer, ja, „Die Schönheit der Nacht“ ist auch eine Geschichte über die Geheimnisse, die das Meer hütet.

„Mir gefällt die Vorstellung, dass sich das Meer von allen Empfindungen färbt, die wir hineingießen. Hoffnung, Schmerz, Lust, Zweifel, Ungeduld, Gewissheit. Wir sind die Farben des Meeres. Wir spiegeln uns darin. Und es wäscht alle unsere Farben ab, wenn wir hineingehen.“

5 Kommentare zu „Zwei Frauen in Neoprenanzügen

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