Neuerscheinung · Rezension · Romane

Intensiv tschechisch

monica bellova, am see, rezension, günter keil, literaturblogNami wächst in einem trostlosen Dorf bei seinen Großeltern auf. An seine Mutter hat er nur vage Erinnerungen: ihre duftende warme Haut, die drei roten Dreiecke ihres Bikinis, ihre weiche Stimme. Warum ist sie nicht mehr bei ihm? Niemand verrät es Nami. Die meisten Menschen in dem Dorf am vergifteten See sind desillusioniert, betrunken und arbeitslos. Bianca Bellová siedelt ihren großartigen Roman „Am See“ (Kein & Aber) in einer postsowjetischen Industriegegend an. Namis einziger Lichtblick sind die Treffen mit Zaza, einem Mädchen mit einer gelben Schleife im Haar. Nachdem Zaza jedoch von russischen Soldaten vergewaltigt wird, flüchtet Nami in die Großstadt. Dort hofft er, seine Mutter zu finden und Abstand von seiner furchtbaren Kindheit zu gewinnen.

Mit einer urwüchsigen Kraft, die einem den Atem raubt, erzählt Bianca Bellová von Namis Überlebenswillen. Der Jugendliche schlägt sich als Tagelöhner durch, schleppt Kisten, asphaltiert Straßen, lebt in einem heruntergekommenen Wohnheim, wird gnadenlos ausgebeutet. Doch er gibt nicht auf. Bellovás intensive Geschichte kann man als Parabel über Unterdrückung und Armut lesen. Oder als eigenwilligen Entwicklungsroman. Die knappe, lakonische Sprache der tschechischen Schriftstellerin bringt Namis verzweifelte Suche nach Sinn in jeder einzelnen Situation auf den Punkt. Eine unvergessliche literarische Erzählung, so schmerz- wie liebevoll.

 

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