Neuerscheinung

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Ist es möglich, dass eine andere Person unser Leben erneut lebt? Dass wir bereits wissen, was ihr bevorsteht? Die Hauptfigur aus Peter Stamms neuem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (S. Fischer) ist davon jedenfalls überzeugt. Der Schriftsteller Christoph übernachtet in einem Dorfhotel und sieht dort sich selbst als jungen Mann, der als Nachtportier arbeitet. Genau so, wie er es einst tatsächlich getan hat. Das ist nicht die einzige mysteriöse Begegnung mit Spiegelcharakter: Christoph lernt die junge Schauspielerin Lena kennen und bemerkt auf Anhiebt, dass sie genauso lebt wie seine frühere Freundin Magdalena. Auf einem langen Spaziergang versucht der Schriftsteller, die Schauspielerin von seinem seltsamen Wissen zu überzeugen. Er erzählt ihr Details aus ihrem Leben, und von seinem Buch, in dem er seine Beziehung zu Magdalena schon vor Jahren niedergeschrieben hat. Lena möchte ihm glauben. Doch trotz aller Übereinstimmungen zwischen der Realität und den Christophs Behauptungen bleibt sie skeptisch: „Sie haben Ihr Leben und ich habe meines. Und ich habe absolut nicht die Absicht, mir meines von Ihnen erzählen zu lassen.“

Peter Stamm begleitet Christoph und Lena mit traumwandlerischer Ruhe. Seine Protagonisten kommen sich und ihren Erlebnissen immer näher. Der Schweizer Schriftsteller ist ein Meister der klaren, scheinbar von allen Unreinheiten befreiten Sätze. Sein feiner, stiller Stil entfacht einen subtilen Sog, der seine Leser in ein rätselhaftes Reich zwischen Wirklichkeit und Fiktion führt. Denn aufgrund der meisterhaft konstruierten fließenden Übergänge der Erzählperspektiven verschwimmen die Grenzen. Spricht in diesem Augenblick Lena oder Magdalena? Erinnert sich soeben der alte oder der junge Christoph? Vergangenheit und Gegenwart lösen einander ab und sich auf. Die Dialoge zwischen Christoph und Lena münden in der Frage, ob wir unserem Schicksal entgehen oder uns mit der sanften Gleichgültigkeit der Welt abfinden können. Überdies regt Stamm dazu an, sich Gedanken über die Wechselwirkung von Literatur und Wirklichkeit zu machen.

7 Kommentare zu „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

  1. Hallöchen^^
    Vor Jahren hatte ich sehr gerne einen Kurzgeschichtenband von Stamm gelesen, bin dann aber irgendwie von ihm abgekommen. Dieser Roman klingt jedoch recht interessant. Eine wichtige Frage nur: Hat der im Roman beschriebene Roman Ähnlichkeiten zu dem existierenden Roman Agnes oder kann man dies gefahrlos lesen?^^
    Weißt du da was drüber?
    Liebe Grüße
    von der Luna

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