Rezension · Romane

60-jähriger sucht Sinn, findet Absurdes

Er ist und bleibt der meisterhafte, unvergleichliche Beobachter alltäglicher Absurditäten. Auch in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ (Hanser) entdeckt und beschreibt Wilhelm Genazino so banale Dinge auf so geniale Weise, dass es ein großes Vergnügen ist. Darüber hinaus erfindet Genazino merkwürdige neue Worte, diesmal: Schuhealtersschwäche, Liebesräsoneur, Eheverwehung, Herumschmerzen oder Erinnerungsgerede.

Und die Handlung? Nun, die ist bei Genazino fast immer gleich. Ein grübelnder Mann mittleren oder höheren Alters langweilt sich durch die Tage, sinniert über seine Mutter und seine Ex-Frau, spaziert erschöpft, aber aufmerksam durch die Straßen, hat Sex mit mehreren Frauen, philosophiert über seinen inneren Unfrieden. Der 60-jährige Ich-Erzähler des neuen Romans attestiert sich einen Hang zur Lächerlichkeit und Verlorenheit. Er fragt sich, ob er als beratender Hosenkundler Männer beim Einkauf unterstützen soll – seine eigene zerschlissene Hose ersetzt er allerdings nicht.

Genazino glänzt mit allerfeinster Situationskomik. Doch hinter der scheinbar leicht dahingeworfenen Heiterkeit stecken die tiefe Einsamkeit und Trauer seiner Hauptfigur. Dieser Mann überlegt sich neue Namen für Bushaltestellen: Verkorkste Lage, Ewiger Mangel. Ein Ausdruck seiner verdrießlichen Gefühlslage.

Es erstaunte mich nicht, dass ich nach etwa einer halben Stunde meine ehemalige Ehefrau entdeckte, wobei mir zum ersten Mal auffiel, dass in dem Wort ehemalig das Wort Ehe aufgehoben ist, was ich gut gelaunt so deutete, dass in jeder Ehe ihre zukünftige Ehemaligkeit schon angekündigt sei.“

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