Neuerscheinung · Rezension · Romane

Germany, 1945

uwe timm, ikarien, rezension, literaturblog, günter keilEr will verstehen, was es nicht zu verstehen gibt. Der junge Soldat Michael Hansen kehrt im April 1945 als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück. Im Auftrag des Geheimdienstes soll er das Leben und Wirken eines einflussreichen Eugenikers recherchieren.

Das ist die Ausgangslage von Uwe Timms Roman „Ikarien“ (Kiepenheuer & Witsch), von Schauspieler Ulrich Noethen als Hörbuch vertont (Random House Audio). Timms klare Prosa und Noethens herausragende Interpretation – lesend und hörend kann man sich dieses großartige, komplexe Werk erschließen.

Die ersten Tage nach dem Krieg sind es, in denen Hansen über Trümmer steigt, die Deutschen beobachtet, Kaugummis verschenkt, sich Tagebuchnotizen macht. Timm zeigt Hansen als objektiven, menschlichen Soldaten – einen, der wirklich wissen will, wie es zu Rassenwahn und Holocaust kommen konnte. Das Verbot der Fraternisierung bricht er, hat Affären mit deutschen Frauen, lebt mit einem Kollegen in einer Villa am Ammersee, fährt im Cabrio herum. Soweit der eine, private Erzählstrang des Romans. Im anderen, fachlichen, steigt Timm mit seiner Hauptfigur tief ein in die Geschichte der Eugenik und die Suche nach einer besseren Gesellschaftsform. Bei seinen Recherchen und zahlreichen Gesprächen wird Hansen klar, dass die Nazi-Ideologie vom auserwählten Volk aus einer kruden Mischung stammt: sozialistische, spirituelle und utopische Projekte, etwa die amerikanische Gemeinde Ikarien, wurden von Wissenschaftlern geprüft und weiterentwickelt. Hansen ist fasziniert und entsetzt zugleich – und muss feststellen, dass seine Vorgesetzten bald das Interesse an seiner Arbeit verlieren.

Uwe Timm wechselt souverän und fließend seine Erzählebenen. Mal lässt er Hansen in seinen Recherchen geradezu versinken und gleitet ins Theoretische ab, mal ist er ganz nah bei Hansens privilegiertem Privatleben. Eine lehr- und abwechslungsreiche Geschichtsstunde auf hohem literarischem Niveau.

2 Kommentare zu „Germany, 1945

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