Neuerscheinung · Rezension · Romane

Indiens Transsexuelle und Gefallene

arundhati roy, das ministerium des äußersten Glücks, Rezension, Blog, Günter Keil 20 Jahre (!) hat sich Arundhati Roy für ihren neuen Roman Zeit gelassen. Die letzten zehn davon hat sie an „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer) geschrieben. Herausgekommen ist ein Buch, das in seiner überbordenden Fülle von Details, Figuren, Biografien und Anekdoten kaum zu übertreffen ist. Und auf das man sich erst einlassen muss – anders ist diese Reichhaltigkeit schwer zu bewältigen.

Roy erzählt von Anjum, einer Transsexuellen, auf indisch: Hijra. Anjum lebt erst in einer multi-ethnischen Hijra-Gemeinschaft in Delhi, dann auf einem Friedhof. Dort baut sie eine Hütte, die zur Zuflucht für Menschen am Rande der Gesellschaft wird: „Dieser Ort, an dem wir leben, den wir zu unserem Zuhause gemacht haben, ist ein Ort der fallenden Menschen.“ Ein gefallener Hund ist auch dabei: Biroo. Die Gefallenen, Vergessenen, von Polizeiwillkür und Behördenschikanen eingeschüchterten Menschen finden in Roys Roman zusammen, und die Autorin schildert ihr Leid in dichter, lebendiger und bisweilen poetischer Prosa. Dass die Gefallenen im „neuen“ Indien, der kapitalistischen und nationalistischen Hindu-Supermacht, nur stören, ist offensichtlich.

Im zweiten Teil widmet sich Roy dem Kaschmir-Konflikt. Den Muslimen, die Opfer schwerster Gewalt werden, der unerträglichen Situation im umkämpften Gebiet zwischen Indien, Pakistan und China. Protokolle, Augenzeugenberichte, Befunde und Rückblicke auf reale Massaker vervollständigen ihre literarische Dokumentation von Chaos und Unterdrückung. Damit macht es Roy ihren Lesern nicht leicht – ihre Hauptfigur Anjum spielt kaum noch eine Rolle. Dennoch ist dieser Roman ein einzigartiges Ereignis: ein realistisch-kritischer Blick auf Indiens gesellschaftspolitische Probleme und eine hinreißende Würdigung der Gefallenen. Ein Mix, den nur Roy so zubereiten kann.

In der fast 15-stündigen Hörbuchfassung (Audible / Argon) führt Sprecherin Gabriele Blum einfühlsam und überzeugend durch Roys abwechslungsreichen Plot.

Übrigens: Arundhati Roy kommt nach Deutschland und liest u.a. in München, wo ich am 13.9. ihre Lesung im Literaturhaus moderiere.

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