Neuerscheinung · Rezension · Romane

Die Grausamkeit der Normalität

birgit vanderbeke, wer dann noch lachen kann, rezension, günter keil, literaturblog

Birgit Vanderbeke formuliert nicht lange oder umständlich herum. Schon auf der ersten Seite spricht sie ihre Leser direkt an: „Es gibt nur einen einzigen Menschen, der für Sie denken und auf Sie aufpassen kann. Das sind Sie. Und wenn Sie es nicht können, kann es niemand für Sie.“ Das ist die Kernbotschaft ihres neuen, erneut autobiografisch gefärbten Romans „Wer dann noch lachen kann“ (Piper). Ganz genau hinschauen, sich bloß nichts vormachen lassen, einen eigenen Weg gehen – eine Erkenntnis, die Vanderbekes Alter Ego im Buch schon als kleines Mädchen gewinnt. Ihr Vater schlägt sie mit einem Teppichklopfer blutig. Ihre Mutter schleppt sie zu Ärzten und behauptet, sie sei krankhaft überreizt.

Die Erzählerin beobachtet ihre Umwelt genau, sie hinterfragt und kommentiert, was sie erlebt und sieht. Sie flüchtet – wie Birgit Vanderbeke selbst im Alter von fünf Jahren – mit ihren Eltern aus der DDR in den Westen, ins „Land der Verheißung“. Doch auch dort trifft sie auf Widersprüche und Gewalt. Also flüchtet die Erzählerin in Traumwelten, erfindet einen Mikrochinesen, der auf ihrem kaputten Globus steht und ihr zuhört – im Gegensatz zu ihrer Mutter. Birgit Vanderbeke erzählt von einer Befreiung. Von Dogmen, Familien, Systemen, Traditionen. Von der Grausamkeit der Normalität.

Schwere, tiefgründige Kost, im Grunde genommen. Doch Vanderbeke schreibt so erfrischend und gewitzt, so gekonnt artistisch, dass die teilweise erschütternden Szenen keine düstere Stimmung verbreiten. Vielmehr bilden sie in ihrer Komplexität ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich nicht einschüchtern, einlullen oder vereinnahmen zu lassen. Kleines Buch, große Literatur!

“Es ist anstrengend, zu denken, deshalb ist man immer in Versuchung, es andere für sich machen zu lassen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s